Ein offener Geist – Der Besuch im Atelier bringt die Gedanken in Bewegung

Dortmund. Almut Rybarsch-Tarry

Öffnungszeiten des Ateliers: mittwochs von 17 - 20Uhr Foto: Annette Mertens

Öffnungszeiten des Ateliers: mittwochs von 17 – 20Uhr Foto: Annette Mertens

„Angefangen hat es mit der Nibelungensage. Als etwa Achtjährige bedrängte ich meinen Vater, er möge mir die Geschichten von Kriemhild und dem Drachentöter vorlesen“ erzählt die Dortmunderin Almut Rybarsch-Tarry im Interview. Harte Kost für ein Mädchen im Grundschulalter. Doch die kleine Almut lässt sich nicht aufhalten. Sie hat viel Mitgefühl für die Drachen, die ihr Leben lassen müssen. Sie sieht sie aus der Sicht eines Kindes: Als lebendige, fühlende Wesen, die weder gut noch böse sind. Die großen und starken Fabeltiere haben für das kleine Mädchen sogar eher eine Schutzfunktion. Ihre ersten Figuren formt sie damals aus „Fimo“. Zeitweilig riecht das ganze Haus danach, wenn im Ofen der Rybarsch-Küche die ersten Skulpturen zu langlebigen Objekten „gebacken“ werden.

Atelier Almut Rybarsch-Tarry Foto: Annette Mertens

Drachen begleiten ihr Leben

Nach der Schulzeit in einem geburtenstarken Jahrgang weiß Almut Rybarsch nicht so recht, welchen Weg sie beruflich beschreiten möchte. Ihre Familie bestärkt ihre kreative Leidenschaft, doch zunächst lernt sie, wie ihr Vater, den Beruf der Hörgeräte-Akustikerin. Bereits gegen Ende der Ausbildung begegnet sie dem Objekt-Designer Eberhard Gunstap Etzrodt. Direkt nach der Ausbildung startet sie ein sechsmonatiges Praktikum bei ihm. Die Dortmunderin lernt bei ihm nicht nur die Gestaltung großer Skulpturen, sondern packt tatkräftig beim Laden- und Messebau mit an, denn auch das gehört zur Arbeit des Designers. Außerdem bestücken sie Ladengeschäfte und andere Unternehmen mit seinen Skulpturen. Sechs Jahre lang arbeitet Almut so, als ihr klar wird, dass diese Arbeit keine weitere Entwicklungsmöglichkeit bietet. Sie beendet die Zusammenarbeit und macht sich als Skulpturenkünstlerin selbstständig. Nebenbei arbeitet sie immer in diversen Jobs – nur wenige Künstler verdienen mit ihren Werken ihren Lebensunterhalt. So ist Almut parallel fast zehn Jahre als Ausstellungsaufsicht für den „Hartware MedienkunstVerein“ in Dortmund tätig. Hinzu kommen Nebenjobs im Verkauf und in Büros. Nach einigen Ausrutschern auf kleisternassen Leitern und Nackenversteifungen infolge der Überkopfarbeiten beim Deckenstreichen hält sie sich von Aufträgen für Renovierungsarbeiten fern. In einer ganz schlimmen Lebensphase probiert sie es sogar mit einem Job im Call Center. Doch das ist gar nicht ihr Ding. Ihr Herz schlägt für eigene Projekte und für ihre Drachen.

Drachen in allen Formen und Farben Foto: Bettina Brökelschen

Kunst aus der Wäscherei

Seit zehn Jahren wohnt und arbeitet die Skulpturen-Künstlerin bereits freiberuflich in den ehemaligen Geschäftsräumen der Groß-Wäscherei
Welscher. Früher wurde hier für Hoesch gewaschen, heute gehört der Gebäudekomplex der Dortmunder Tafel. Auf insgesamt 85 Quadratmetern kann sie schalten und walten wie sie möchte. Jeden Mittwochnachmittag ist das Atelier für Besucher von 17 bis 20 Uhr geöffnet. An einem dieser Nachmittage verabrede ich mich mit Almut zum Interview. Schon beim Reinkommen gibt es viel zu sehen: Bilder eines befreundeten Fotografen, jede Menge kleine und große Skulpturen, manche sehr detailreich und bunt, Drachen, Herzen, Figuren, Spiegel und vieles mehr. Einen Raum weiter stapeln sich Gipsbecher. Auf der Fensterbank reihen sich jede Menge Pinsel in Gläsern ordentlich sortiert aneinander. Im Regal warten unzählige bunte Farbflaschen auf den nächsten Einsatz.

Die Pinsel warten gut sortiert auf den nächsten Einsatz Foto: Bettina Brökelschen

Die Werkstatt lädt zum Mitmachen ein – hier im Interview mit Annette Mertens Foto: Bettina Brökelschen

Hier möchte man sofort loslegen

Malen, Modellieren, Gestalten mit unterschiedlichsten Materialien – ich kann verstehen, dass Almuts Projektarbeiten mit Kindern und Jugendlichen sowie ihre Kreativ-Kurse sehr begehrt sind. In den kommenden Oster- und Herbstferien leitet sie den Kunstbereich der Kinderakademien im Rahmen der Unterwelten-Ausstellung auf Zeche Zollern. Im neu eröffneten Hombrucher „Anschnitt Atelier für Kunst & Design“ bietet sie zusätzlich Wochenend-Kreativ-Kurse an.
„Ich arbeite gerne mit Kindern, weil sie frei im Denken und Schaffen sind. Ihr Geist ist offen für Formen und Farben“ fügt die Künstlerin hinzu.

Zwischendurch schauen Besucher und Freunde herein. Die Atmosphäre ist anregend. Der leckere Duft frisch aufgebrühten, „von Hand“ gekochten Kaffees zieht durch das Atelier. Besucher-Hund Ronny kuschelt sich entspannt in eine Ecke. Ich fühle mich bei Almut ebenfalls schnell wohl.

Inspiration durchs Reisen

Wann immer möglich, geht die kreative Dortmunderin auf Reisen: Die Bauwerke von Gaudi in Barcelona nimmt sie wie ein Schwamm in ihre Erinnerungen auf, ebenso ihre Eindrücke von Paris, Rom, London und New York. „Das Wunderbarste ist für mich bisher der „Tarot Garten“ von Niki de Saint Phalle in der Toskana“ erzählt Almut mit leuchtenden Augen. „Die bitterste Erfahrung war im Nachhinein meine Reise nach Syrien und in die faszinierende Metropole Damaskus gegen Ende der 90er. Es war eine Stadt reich gefüllt mit Schätzen der Antike und der Neuzeit – Touristen besuchten die krisengebeutelte Region damals schon nicht mehr so üppig, doch die offenen und sehr gastfreundlichen Menschen vor Ort schauten hoffnungsvoll in ihre Zukunft. Von alldem scheint nun nichts mehr übrig zu sein. Die Hoffnungen der Menschen: Total zerbombt“ fügt sie traurig hinzu.

Werkstatt-Impressionen Foto: Bettina Brökelschen

Gedanken im Flow

Unter dieser Überschrift lebt und arbeitet die facettenreiche Künstlerin, denn „Offenheit und Toleranz ist die Essenz im Leben“. Das zeigen auch ihre Skulpturen unter dem Titel „Free Flow“.

Drache Luzie gehört zur Familie und verlangt nach Aufmerksamkeit 😉 Foto: Annette Mertens

Auf die Frage nach ihren Wünschen, Träumen und Zielen antwortet sie lachend: „Ich träume von einem Schloss in Wales mit Fußboden- und Wandheizung – betreiben muss ich die wohl mit Luft und Liebe“.

Zum Abschluss möchte Almut ein paar Worte des Dankes hinzufügen: „Egal wie schwierig mir mein Leben manchmal vorkam, es waren und sind immer Menschen da, die mir Türen zeigen, die ich übersehen hätte. Beziehungen zu anderen und die manchmal auch mühselige Pflege derselben, sind mir sehr wichtig. Ohne soziales und persönliches Miteinander kann ich mir mein Leben überhaupt nicht denken und wäre auch meine Kunst ohne Bestand.“

Infos unter www.almutrybarsch.de

Text: Annette Mertens
Fotos: Bettina Brökelschen & Annette Mertens

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6 Gedanken zu “Ein offener Geist – Der Besuch im Atelier bringt die Gedanken in Bewegung

  1. Liebe Frau Mertens,

    ich fand über meine Freundin Ariane hierher und freue mich wie Hulle über die kleinen Seitenwege des Lebens. Wir sind uns bereits über die Blogpfade begegnet und so will ich heute einen kleinen Dankesgruß hinterlegen. Bloggen fetzt! So schrub ich es eben bei ihr und wiederhole es hier gerne.

    Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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