Das Leben ist bunt – Von der Waterkant in den Pott

Dortmund. Mitten in der Pubertät verschlägt es die dreizehnjährige Flensburgerin mit ihrer Familie nach Essen. Sie besucht dort eine Schule in Katernberg: Die ersten Wochen erlebt Anette Göke, den von der damals noch aktiven Schachtanlage Zollverein geprägten Stadtteil mit typischen Bergarbeitersiedlungen, Halden und Bahnanlagen, als Kulturschock.

Bild aus der Ausstellung "Das Leben ist bunt" von Anette Göke, Foto: Bettina Brökelschen

„Das Leben ist bunt“ von Anette Göke, Foto: Bettina Brökelschen

Nach ihrem Abitur mit dem Schwerpunkt Kunst arbeitet sie für ein Jahr in einer Werbeagentur in Hattingen. Von dort bewirbt sich Anette an der Universität Dortmund für einen Studienplatz zur Objektdesignerin. Trotz Zusage entscheidet sich die talentierte Künstlerin zunächst für die solidere Variante, eine einjährige Ausbildung zur Werbe-Assistentin an der Werbefachschule Essen.

Anette Göke, Foto: Olaf Jordan

Anette Göke, Foto: Olaf Jordan

„Wir waren damals jung und doof“

erzählt sie lachend, während wir von Vogelgezwitscher umgeben vor ihrer aktuellen Ausstellung in der Galerie Torfhaus sitzen.

Anette Göke (rechts) mit Künstler-Kollegin Karina Cooper im Atelier Torfhaus, Westfalenpark Dortmund, Foto: Bettina Brökelschen

Anette Göke (rechts) mit Künstler-Kollegin Karina Cooper im Atelier Torfhaus, Westfalenpark Dortmund, Foto: Bettina Brökelschen

Anfang der 90er Jahre eröffnet die junge Frau parallel zu ihrer Ausbildung mit Freunden an der Dortmunder Brückstraße das „Chrom“ – die Techno-Disco avanciert zum Treffpunkt der im Ruhrgebiet stationierten Engländer. Aufgrund von Unerfahrenheit überwirft sich das junge Unternehmer-Team. Der Club schließt nach einem sehr erfolgreichen Jahr, in dem Anette ihren zukünftigen Mann kennen lernt.

Während seines Studiums arbeitet sie acht Jahre beim Bochumer Stadtspiegel. Zunächst verkauft sie dort Anzeigen. Parallel absolviert Anette abends eine zweijährige Zusatzausbildung zur Marketingfachkauffrau. Später wird sie stellvertretende Geschäftsstellenleiterin. 1997 und 1999 kommen ihre beiden Kinder auf die Welt. Da eine Anstellung in Teilzeit nicht möglich ist, kündigt die junge Mutter und widmet sich zuhause der stark vernachlässigten Malerei – zumindest so lange, bis ihr kleiner Sohn großzügig einen Beutel blauer Pigmente im Schlafzimmer verteilt. Die Einrichtung ist ruiniert. Schnell ist klar: Ein Atelier muss her. 2003 macht sie sich als Marketingberaterin und Kunstmalerin selbstständig und bezieht die Räume der Künstlergemeinschaft „Atelier 21“ in Dortmund.

Galerie Torfhaus: Skulptur von Karina Cooper (links) mit Anette Göke, Foto: Bettina Brökelschen

Aus der Kunst schöpft sie Kraft

Neben zahlreichen Ausstellungen arbeitet die vielseitige Dortmunderin in verschiedenen Ateliers, unterrichtet als Lehrerin für Malen, Zeichnen, Modellieren, Papierschöpfen, Nähen an Schulen/Kindergärten und gestaltet kreative Kindergeburtstage. Sie gibt ihr Können gerne weiter.

Besonders am Herzen liegt ihr die Arbeit mit behinderten Kindern

„Sie sind so offen und direkt. Die Arbeit mit ihnen erdet mich.“ ergänzt Anette. „Ich möchte Kunst für jeden möglich machen, unabhängig von Geld und Bildung, denn sie verbindet die Menschen weltweit.“ und so gründet sie 2009 ihr eigenes Atelier „VorOrt“ im Stadtteil Berghofen, in dem sie aktuell mit ihrer Familie lebt.

Im März 2012 folgt gemeinsam mit Rita-Maria Schwalgin die Eröffnung des Dortmunder „Atelier Kunstdomäne„. Zur Zeit agieren dort sieben Kreative, die nicht nur ihre Kunst präsentieren, sondern ihr Wissen in Workshops und Kursen weiter geben.

Holzskulptur "Die Welt" von Anette Göke, Foto: Bettina Brökelschen

Holzskulptur „Die Welt“ von Anette Göke, Foto: Bettina Brökelschen

Aktuell arbeitet Anette neben ihren zahlreichen Aktivitäten in der Aplerbecker „Ideenwerkstatt Arche“ (IWA) mit rund zwanzig Kindern und Jugendlichen an einer Theateraufführung. Außerdem schreibt sie an der Fortsetzung ihres Märchens „Grusel um Mitternacht“ und „Die verflixte Zeitreise“, bei der es zwei Schüler per Zeitmaschine in die Zeit von Rotkäppchen und anderen bekannten Figuren klassischer Märchen verschlägt.

Ihr großer Traum „Art For Us“ – ein Kunst-Café

Während der Ausbildung zur Werbeassistentin schrieb sie bereits das Konzept für die eigene Malschule mit Café und Verkaufsraum: Ein gemütlicher Ort, an dem man Kunst erleben, schaffen und anschauen kann. „Auch wenn es noch eine Weile braucht, ich werde weiterhin an der Verwirklichung dieses Traumes arbeiten.“ erzählt Anette entschlossen.

Was sie anderen mit auf den Weg geben möchte:

„Trotz alltäglicher Sorgen und Widrigkeiten lerne ich aus allem, was mir im Leben passiert, egal wie schwierig es manchmal ist. Jeder hat im Leben die Chance, zu machen, was er machen möchte, wenn er bereit ist, dafür etwas zu tun. Behinderte haben diese Möglichkeit nicht. Das Leben ist bunt. Macht das Beste daraus.“ fügt sie als Schlußwort hinzu.

Infos unter www.kunstundwerben.de

Text: Annette Mertens

Fotos: Bettina Brökelschen

 

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29 Gedanken zu “Das Leben ist bunt – Von der Waterkant in den Pott

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  4. Bei mir war’s umgekehrt: Vom „Pott“ zur Waterkant, nach dem Motto: Ein Quietschie aus dem „Rheinland“ versucht heimisch zu werden in einer Riesenstadt, denn es war ein Kulturschock von Dortmund nach Hamburg. Heutzutage, wenn wir meine Eltern in DO besuchen zieht es mich doch wieder nach HH. Es ist mir eben auch zur Heimat geworden.

    Herzliche Grüße von Rainer

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    • HH ist eine tolle Stadt. Dort wäre ich vor einigen Jahren beinahe auch gelandet.
      Die Hamburger sind ein sympathisches Völkchen und gar nicht so viel anders als wir hier im Ruhrgebiet 🙂 Viele liebe Grüße, Annette

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  5. Pingback: “Ich habe viele innere Kämpfe ausgetragen” | Ruhrköpfe

  6. Schön zu wissen, dass es noch andere Norddeutsche hier in diese Gegend gezogen hat. Und vor allen Dingen schön zu lesen, dass sie ihre Kreativität mitbringen! Ein toller und interessanter Beitrag in einem spannend zu lesenden Blog.

    Viele Grüße,
    Auri der Theatergeist

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