Eine Frau erfindet sich neu – von der Architektur zur Fotografie

Dortmund.

Die Künstler der "Kunstdomäne Dortmund", Foto: Anette Göke

Die Künstler der „Kunstdomäne Dortmund“, Rita-Maria Schwalgin 2. von rechts, Foto: Anette Göke

An einem sonnigen Frühlingstag im Mai treffe ich Rita-Maria Schwalgin in ihrem Atelier im Dortmunder Norden. Von außen wirkt es wie ein gewöhnliches Wohnhaus. Das Schild über der Einfahrt zeigt mir, dass ich richtig bin: Atelierhaus kunstDOmäne. Einer der Künstler, Franz Ott, begrüßt mich mit der Farbrolle in der Hand. Für die Veranstaltung „offene ateliers dortmund“ hübscht er den Durchgang mit weißer Farbe auf. Hinter der Toreinfahrt erwartet mich ein kleiner idyllischer Garten. Der Trubel der Stadt verstummt hinter mir.

Eine Oase tut sich auf

Das Atelier befindet sich in einem dreigeschossigen Hinterhaus. Rita-Maria empfängt mich mit frisch duftendem Kaffee. Es gibt viel zu sehen: An den Wänden hängen zahlreiche Fotografien. Industriekultur, Landschaften. Zwei große geflügelte Nashörner ziehen meinen Blick auf sich. Sie wirken beinahe dreidimensional. Ihre Motive sind farbstark. Scheinbar Belangloses wird durch Rita-Marias Blick auf Details zum Kunstwerk.

Rita-Maria Schwalgin (re.) im Interview mit mir, Foto: Bettina Brökelschen

Rita-Maria Schwalgin (re.) im Interview mit mir, Foto: Bettina Brökelschen

Die gebürtige Kasselänerin – so heißt es, wenn die Familie schon seit Generationen in Kassel wohnt – wollte früher Kunst studieren. Statt dessen macht sie an der TU-Hannover ihr Diplom in Architektur. Familiäre Gründe ziehen die Frau mit dem dunklen Lockenkopf ins Ruhrgebiet. Zunächst lebt sie in Waltrop, bis es sie 1980 nach Dortmund verschlägt.

Die Familienchaosmanagementphase

Dortmunder Theaternacht, Foto: Rita-Maria Schwalgin

Dortmunder Theaternacht, Foto: Rita-Maria Schwalgin

Ihre fünfköpfige Familie stellt für Rita-Maria eine logistische Herausforderung dar. Zeitgleich nimmt sie regelmäßig an Architektur-Wettbewerben teil. Doch mit ihrem Karriereknick in einem technischen Beruf und ihren Aufgaben in der Familie sieht Rita-Maria zunächst keine Chance, beruflich wieder Fuß zu fassen. So absolviert die quirlige Frau 1993 mit 20 anderen Frauen aus dreizehn Berufen eine Qualifizierungsmaßnahme: „Moderne Technologien für Frauen mit akademischer Ausbildung“ und entdeckt ihre Fähigkeit, trockene, sperrige Themen zu „visualisieren“.

1997 macht sich die Mutter dreier Kinder als Texterin und PR-Beraterin mit dem Schwerpunkt Architektur, Kunst und Kultur selbstständig. Zeitgleich experimentiert sie kontinuierlich mit verschiedenen künstlerischen Techniken.

Als Gründerin entwickelt sie Allround-Fähigkeiten

Sie kann sich gut in neue Themen einfinden und es fällt ihr leicht, komplexe Themen anderen auf einfache Weise nahe zu bringen. Logo-Entwicklung, Image-Broschüren, PR, Texte und Grafiken gehören zu ihrem Repertoire. Mehr und mehr geht Rita-Maria den Weg von ihrer sachlich-analytischen Seite hin zum Kreativen. Einer ihrer damaligen Lieblingskunden, den sie zur „Marke“ aufbaut: Das Atelier21.

"Arche Noah", Foto: Rita-Maria Schwalgin

„Arche Noah“, Foto: Rita-Maria Schwalgin

2003 stellt sie erstmalig ihre Bilder aus und nimmt infolge jedes Jahr als Künstlerin mit ihren Fotos an der „Museumsnacht Dortmund“ teil. Im Mai 2007 bezieht sie ihr erstes eigenes Atelier in den Räumen der Künstlergemeinschaft Atelier21: „Ich bin immer selbstständiger geworden, habe nach außen die Rahmenbedingungen geschaffen und mir einen Namen erarbeitet.“

„Niemand wird auf Dich aufmerksam, wenn Du Dich nicht der Welt zeigst“

fügt Rita hinzu. „Frauen müssen häufig einen Neuanfang wagen,“
erzählt sie und gibt ihre Erfahrungen gerne weiter.

Ein Projekt von Rita-Maria in der Nordstadt: Bewohner zeigen in einem Rahmen ihren Blickwinkel, Foto: Bettina Brökelschen

Ein Projekt von Rita-Maria in der Nordstadt: Bewohner zeigen in einem Rahmen ihren Blickwinkel, Foto: Bettina Brökelschen

Einige Jahre kämpft sie gegen eine Müllverbrennungsanlage, engagiert sich stark bei den Grünen in der Umweltpolitik, sitzt im Dortmunder Stadtrat und der Bezirksvertretung Mengede. „Es war eine gute Schulung in Menschenkenntnis und Stadtentwicklung. Außerdem habe ich dort freies Sprechen vor Publikum gelernt.“ ergänzt sie schmunzelnd.

Die Kreativität setzt sich durch

Rita-Maria tritt nach fast zwanzig Jahren freiwillig von ihren politischen Ämtern zurück und widmet sich mehr ihrer künstlerischen Seite. Trotzdem nehmen politische und sozialkritische Themen viel Raum in ihrem Leben ein: Ihr Mann, Mario Krüger, NW-Landtags-Abgeordneter der Grünen, erhält bereits seit fünf Jahren mehr als 4000 anonyme Briefe. Der geschätzte Wert der Bildpostkarten mit Umschlägen und Porto liegt bei fast neuntausend Euro. Von Nonsens über Beileidsbekundungen bis Drohungen ist alles dabei.

"Die Bäume würden Trauer tragen", Foto: Bettina Brökelschen

„Die Bäume würden Trauer tragen“, Foto: Bettina Brökelschen

Die Künstlerin kreiert daraus das Projekt „Die Bäume würden Trauer tragen“. Die gesammelten Briefe ergäben eine Allee aus etwa zweihundert Bäumen. Rita-Maria verleiht dem anonymen Absender damit eine Stimme und erreicht, dass Atelier-Besucher miteinander über die Vernichtung von Bäumen für Papier, CO2-Belastung, Energie-Verschwendung und vertane Chancen für Umweltprojekte ins Gespräch kommen.

Die „Kunstdomäne“ entsteht

U-Turm, Foto: Rita-Maria Schwalgin

U-Turm, Foto: Rita-Maria Schwalgin

2012 gründet sie gemeinsam mit Anette Göke das Atelierhaus „kunstDOmäne“, in dem zur Zeit sieben Kreative in den Sparten Malerei, Design, Bildhauerei, Grafik, Installation, Zeichnung, Performance und Fotografie arbeiten. Regelmäßig organisieren die Künstler Events, Workshops und Kurse.

Für die Zukunft plant Rita-Maria, sich noch intensiver in der Kunst zu verwirklichen: Neben der Fotografie möchte sie mehr malen und an der Arbeit in der Nordstadt als lebenswerten Stadtteil mitwirken. Dazu zählt bereits ihre Arbeit als Gründungs- und Vorstandsmitglied in der KulturMeileNordstadt.

Was sie anderen mit auf den Weg geben möchte

und ihr selbst schon oft geholfen hat: „Die Sonne scheint immer. Nur manchmal sind die Wolken davor.“

Infos unter http://www.schwalgin.de/ und www.kunstdomaene.de

Text: Annette Mertens
Fotos: Bettina Brökelschen, Anette Göke, Rita-Maria Schwalgin

 

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14 Gedanken zu “Eine Frau erfindet sich neu – von der Architektur zur Fotografie

  1. Pingback: “Ich habe viele innere Kämpfe ausgetragen” | Ruhrköpfe

    • Wie schön 🙂 So eine Rückmeldung motiviert mich gleich zum Weitermachen – danke dafür und alles Gute für Deinen spannenden Weg der Wandlung. Ich hoffe, das Ergebnis lese ich beizeiten in Deinem Blog

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      • Wir werden sehen. Im Moment gibt es jedenfalls Anzeichen, dass sich mal wieder was wandelt. Nicht so radikal wie 2010, das für mich ein extremes Umbruch-Jahr war. Aber eben doch. Wobei viele von diesen Dingen vielleicht in meinem Blog erst lange nach Vollzug gepostet werden. Da lesen einige Leute mit, die mir aus bestimmten Wandlungsansätzen vielleicht einen Strick zu drehen versuchen – und die kriegen erst Munition, wenn sie mich nicht mehr treffen können.

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