Von der Angestellten zur Chefin – ein gelungener Rollenwechsel

Dortmund. Die leuchtenden Augen spiegeln ihre Wachheit wider. Ihre fuchsbraunen Locken unterstreichen diese Lebendigkeit. Sie ist ein typisches Kind des Ruhrgebietes – mit viel Herzblut und sehr direkt. Die gebürtige Dortmunderin wächst im Multikulti geprägten Norden der Stadt auf. Sie ist die Zweitälteste neben drei Brüdern. Ihr Name: Karolina Ruhl

Karolina Ruhl, Foto: privat

Karolina Ruhl, Foto: privat

 „Ich bin nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen.“

erzählt sie. Von klein auf hilft sie im familiären Bäckereibetrieb ihres Großvaters Ewald Böhmer. Später führen dessen Tochter Adelheid und ihr Mann Udo Ruhl – Karolinas Eltern – das Geschäft mit mehreren Filialen weiter.

Opa Böhmer gründete vor sechzig die familiengeführte Bäckerei, Foto: privat

Opa Böhmer gründete vor sechzig Jahren die familiengeführte Bäckerei, Foto: privat

Mit 16 Jahren arbeitet Karolina regelmäßig im elterlichen Betrieb, um ihr Taschengeld aufzubessern. Doch Verkäuferin möchte sie nicht werden. Kaum vorstellbar, dass dieses Energiebündel zunächst eine Ausbildung zur Bürokauffrau im familiären Unternehmen absolviert. Im Anschluss arbeitet sie, so wie ihre Brüder, weiter bei ihren Eltern: Büro, Verkauf, Filialbetreuung – sie durchläuft alle Bereiche der familiengeführten Bäckerei. „Ich musste immer was tun und befinde mich lebenslang in der Lehre.“ ergänzt sie lachend.

Wer soll den Betrieb fortführen?

Ihre drei Brüder absolvieren Ausbildungen zum Bäcker und Konditor. Der Jüngste wird Bäckermeister. Die Eltern warten, welches Kind sich für die Übernahme des Geschäfts entscheidet. Doch entgegen der Annahme, dass einer der Brüder irgendwann den Betrieb übernimmt, gehen sie andere Wege: Der Älteste arbeitet in der IT-Branche. Einer macht sein Hobby zum Beruf und ist heute als Tontechniker mit eigenem Studio in Dortmund tätig. Dem Jüngsten ist das Risiko der Geschäftsführung zu groß. Er arbeitet lieber als Angestellter im familiären Unternehmen.

Karolina bringt zwei Söhne auf die Welt und pausiert für viereinhalb Jahre in Elternzeit. Inzwischen allein erziehend orientiert sie sich neu: Während die Söhne die offene Ganztagsschule besuchen, nutzt die junge Mutter die Möglichkeit, sich parallel zur Diplom-Betriebswirtin bei der Handwerkskammer ausbilden zu lassen. Doch zunächst ist unklar, wie es mit der Bäckerei Böhmer und ihren Angestellten weiter geht.

„Wenn das einer schafft, dann Sie!“

Karolinas Eltern, Adelheid und Udo Ruhl, Foto: privat

Karolinas Eltern, Adelheid und Udo Ruhl, Foto: privat

bekommt die junge Mutter bei der Existenzgründer-Beratung und bei Verhandlungen mit den Banken zu hören. Es passiert, womit die quirlige Dortmunderin nie gerechnet hat: Sie übernimmt vor drei Jahren die sieben Filialen sowie drei weitere einer Dortmunder Bäckerei, die aus gesundheitlichen Gründen ihren Betrieb einstellen muss. Die Töchter der vorherigen Inhaber wollten den Betrieb nicht weiterführen.

Aktuell arbeiten bei ihr über fünfzig langjährige und treue Mitarbeiter, die aus Überzeugung leben, was das Bäckerhandwerk ausmacht: Zuverlässiger, gleichbleibend freundlicher und kompetenter Service.

Die Eltern sind ihr dankbar für die Übernahme und helfen, wo sie können. „Dortmund ohne Böhmer? Das geht ja gar nicht!“ ergänzt Karolina mit ihrem ansteckenden Lachen und dem typischen, sehr überzeugenden Tonfall einer Frau aus dem Ruhrgebiet. Ihr Rollenwechsel bringt anfangs Konflikte mit sich. Karolina Ruhl und ihr Team wachsen gemeinsam an ihren Aufgaben. Sie bewältigen die Umbruchphase ohne große personelle Veränderungen.

Heute ist sie eine vielseitige Geschäftsfrau – immer lösungsorientiert und nach vorne schauend.

Über die Jahre sammelt Karolina Ruhl neben den typischen Themen einer Bäckerei wie Produktion, Verkauf und Warenpräsentation viele Erfahrungen in den Bereichen Verwaltung, Einhaltung der behördlichen Verordnungen, Personalführung, Löhne und Gehälter.

Karolinas Eltern Adelheid und Udo Ruhl führen den Betrieb ihres Großvaters über viele Jahre weiter, Foto: privat

Karolinas Mutter Adelheid und ihr Mann Udo Ruhl führen den Betrieb ihres Großvaters über viele Jahre weiter

Die Vielfalt ihres Berufes gefällt ihr

„Wir müssen besser sein, um im heiß umkämpften Markt der Branche überleben zu können: 90 Prozent unserer Produkte sind im Gegensatz zum Discounter-Angebot in Handarbeit gefertigt.“ erzählt sie mir.

Der Zusammenhalt der klassischen, regionalen Bäckereien mit guter Qualität liegt ihr dabei sehr am Herzen. Besonders stolz ist die Dortmunderin, dass ihr Betrieb nach vielen Jahren wieder ausbildet: Zwei ihrer vier Azubis zählen zu den Jahrgangsbesten. Drei hat sie sofort übernommen, die Vierte hat gerade ein Baby bekommen. Außerdem stellt sie, entgegen des Trends, gerne Ü-50jährige ein: „Die Erfahrung zeigt, dass ein Betrieb dadurch an Charakter gewinnt: Sie sind ausdauernd und zuverlässig, müssen jedoch die Bereitschaft, Neues zu lernen, mitbringen.“ ergänzt sie.

Was Karolina Ruhl für sich selbst voller Überzeugung lebt, möchte sie auch anderen mit auf den Weg geben: „Der erste Gedanke ist immer der ehrlichste, den sollte man weiter verfolgen. Macht das, woran Ihr glaubt und zieht es konsequent durch!“

Ihr Traum für die Zukunft: „Weiter machen! Wir freuen uns, wenn Kunden uns treu bleiben und andere uns für sich neu entdecken.“

Am 1. November 2014 feierte die Bäckerei Böhmer ihr 60jähriges Bestehen. Während ich dieses Portrait schreibe, übernimmt Karolina zwei weitere Bäckerei-Filialen, die sonst für immer ihre Pforten hätten schließen müssen.

Feinbäckerei Böhmer, Foto: privat

Feinbäckerei Böhmer, Foto: privat

Infos unter http://www.baeckerei-boehmer.de

Text: Annette Mertens

Fotos: privat

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Von der Angestellten zur Chefin – ein gelungener Rollenwechsel

37 Gedanken zu “Von der Angestellten zur Chefin – ein gelungener Rollenwechsel

  1. Pingback: „Brot & Spiele“ | Ruhrköpfe

  2. Mitten im Leben was neues wagen. Macht mir Mut für meine Gschichte. 😉 Und schön geschrieben. *Tränchen wegwisch*
    Was ich im Ausland immer am meisten vermisse: Deutsches Brot! Ich finde, das ist etwas, was dieses Land auszeichnet. Und RICHTIGE Bäckereien gibt es immer weniger. Schön, wenn ein solcher Betrieb erhalten bleibt. Ich wünsche Frau Ruhl und Dortmund viel Erfolg.
    Frohe Weihnachten, Britta

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  3. ojeojeoje – wie gut, dass es von diesen Artgenossen immer weniger gibt. Die sind nicht zum Aushalten! Und das sage ich als gebürtige Dortmunderin 😉

    Danke, es wird und ist hoffentlich bald vergessen 🙂 Die Wochen nach dem Unfall erlebe ich als spannende, bereichernde Erfahrung, die jedoch auch gerne weniger dramatisch daher kommen darf

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  4. Es gibt ja überall solche Menschen, aber ich hatte mal mit einem Dortmunder (Berufspendler damals) zusammen gearbeitet, das war schon ein Kerl, nicht gerade pflegeleicht, aber ein Original, nicht immer gut Kirschen essen mit ihm, aber er hat zu sich und seiner Meinung gestanden. Freunde hat er in Hessen kaum gefunden, sind wir Hessen doch auch etwas stur und eigen, aber respektiert hat ihn jeder hier 🙂

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      • Man ist ihm halt aus dem Weg gegangen und hat nur das nötige mit ihm geredet. Im Sommer hatte er immer diese Bubensandalen an, so braune, wo hinten an der Ferse gangz frei ist und gelacht hat er immer, wenn er selbst einen Witz gerissen hat, dies meistens sexistisch oder andere abwertend. Wenn ich einen Apfel frühstückte, sagte er – in sein Leberwurstbrot beißend und während des Kauens, dass ich was richtiges essen muss und schaute auf seine Stulle wie der Dichter auf eine interessante wie Frau, die er bedichtwen möchte 🙂

        Apopos: Wie gehts dir eigentlich?

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  5. Starke Frauen braucht das Land!!! 🙂

    Und Frau Ruhl ist offensichtlich nicht nur stark, sondern auch absolut begeistert von ihrer Arbeit. Ich finde es einfach großartig, dass Sie, sehr geehrte Frau Ruhl, „ab vom Trend“ gezielt ältere Mitarbeiter einstellen und auch der Jugend ihre Chance geben.

    Und wieder hast du, liebe Annette, ein starke Frau gefunden. Klasse!

    Liebe Grüße
    Susanne Rodens

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  6. „Außerdem stellt sie, entgegen des Trends, gerne Ü-50jährige ein: „Die Erfahrung zeigt, dass ein Betrieb dadurch an Charakter gewinnt: Sie sind ausdauernd und zuverlässig, müssen jedoch die Bereitschaft, Neues zu lernen, mitbringen.“ ergänzt sie.“ Eine schlaue Frau, die Karolina! Das äußert sich zwar nicht nur in diesem Satz, aber trotzdem finde ich gerade dieses ganz besonders.

    Dabei geht es mri nicht nur um das Thema Einstellung über 50zig-jähriger, sondern um die Bedeutung von Charakter, die heute in der Berufswelt immer weniger zählt.

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Hallo Volker,
      diese Weitsicht haben zur Zeit leider noch wenige Unternehmen. Karolinas Haltung hat mich daher ebenfalls beeindruckt. So geht Zukunft in einer Zeit, in der die Menschen immer älter werden 🙂 Ihrem Beispiel werden hoffentlich bald viele folgen, wenn sie am Markt bestehen wollen.
      Liebe Grüsse, Annette

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