Angekommen – Als der Job sie krank macht startet sie in die Selbstständigkeit

Dortmund. Die Beamtentochter Claudia Vogt weiß am Ende ihrer Schulzeit nicht, welchen Beruf sie ergreifen soll. Sie bewirbt sich bei der Polizei. Weil die junge Frau für den Dienst in Nordrhein-Westfalen zu klein ist, schlägt man ihr die Ausbildung in Niedersachsen vor. Statt dessen zieht die gebürtige Oberhausenerin nach ihrem Schulabschluss mit ihren Eltern an den Niederrhein. Weil Claudia gerne im Garten arbeitet, entschließt sich zur Ausbildung als Gärtnerin für Blumen- und Zierpflanzen.

Claudia Vogt in ihren neuen Geschäftsräumen, Foto: Bettina Brökelschen

Ein schwerer Arbeitsunfall ändert alles

Mit ihrer Willenskraft schafft sie es, entgegen aller Empfehlungen, die Ausbildung erfolgreich zu beenden. Über eine Zukunft als Gärtnerin braucht Claudia nicht mehr nachzudenken: Ihre Verletzungen führen zur Berufsunfähigkeit. Notgedrungen sucht sie sich eine Alternative und absolviert die Umschulung zur Bürokauffrau. Ihre erste Anstellung findet sie in einem Angelsportfachgeschäft. Claudia arbeitet in allen Bereichen, bis sie mit Mitte zwanzig schwanger wird und in den Mutterschaftsurlaub geht.

Der Tacker begleitet Claudia schon viele Jahre: Ein Geschenk zum Ende der Ausbildung als Bürokauffrau, Foto: Bettina Brökelschen

Zuhause sitzen langweilt sie

Die Arbeit macht ihr Spaß. Schnell kehrt die junge Mutter an ihren Arbeitsplatz zurück.

Als ihre Mutter erkrankt zieht sie mit ihrem damaligen Mann und ihrer kleinen Tochter in ein Mehrgenerationenhaus zurück ins Ruhrgebiet. Die tägliche Fahrerei zum Niederrhein belastet sie sehr. Claudia kündigt und arbeitet anschließend als Bürokauffrau in Teilzeit bei einem Sportverein in ihrer Nähe. Die Betreuung der Tochter kann sie sich mit ihrem damaligen Mann gut aufteilen. Unruhe und Konflikte bestimmen die Familie immer mehr, bis die Ehe zerbricht.

Einige Monate später lernt Claudia ihren heutigen Partner kennen: „Ich bin mit Kind und Koffer zu ihm in eine kleine Wohnung nach Dortmund gezogen und habe alles hinter mir gelassen. Mein gesamter Hausrat passte damals in seinen Bulli und Anhänger. Das war alles, was ich hatte“, erzählt sie lachend.

Neustart in Dortmund

Kurz darauf findet Claudia eine Stelle bei einem Dortmunder Feuerstättenbauer: „Dort habe ich die Probezeit nicht überstanden, weil ich mit den Gepflogenheiten im Umgang mit Kunden nicht einverstanden war“, ergänzt sie.

Nach und nach baut sie sich trotz aller Widrigkeiten ihr Leben in der fremden Stadt neu auf. Claudia findet eine kleine 2,5-Zimmer-Wohnung, erschafft ihrer Tochter und sich ein neues Zuhause. Um schnell wieder halbtags arbeiten zu können, findet die alleinerziehende Mutter einen Notplatz in einer Kindertagesstätte.

Über die familiären Kontakte ihres neuen Partners bekommt Claudia eine Teilzeitstelle in einer Hausverwaltung. Das lässt sich gut mit ihrem Kind vereinbaren. Mit zunehmender Selbstständigkeit der Tochter stockt sie ihre wöchentliche Arbeitszeit auf – bis sie irgendwann nur noch für die Arbeit lebt. „Über Jahre war ich sieben Tagen die Woche im Büro immer präsent. Weil ich meine Zeit frei einteilen konnte, merkte ich lange nicht, dass ich gesundheitlich immer mehr abbaute“, fügt Claudia ernst hinzu.

Der Job frißt sie auf

Claudia Vogt früher, Foto: privat

Sie nimmt insgesamt fünfzehn Kilo ab. Auf ärztliches Anraten kündigt sie ihre Anstellung nach mehr als zwölf Jahren zum Ende 2014. „Mein ehemaliger Chef war not amused“, ergänzt sie. „Doch darauf konnte ich keine Rücksicht mehr nehmen: Ich wollte für diesen Job nicht länger meine Gesundheit aufs Spiel setzen.“

Die Arbeit mit Mietern, Eigentümern, Handwerkern, Architekten und Ämtern gefällt Claudia sehr. Kerstin Schmidt, eine der Eigentümerinnen, die sie durch ihre langjährige Zusammenarbeit sehr gut kennt, schlägt ihr nach der Kündigung die gemeinsame Selbstständigkeit vor. Im Februar 2015 setzen die beiden Frauen die Idee in die Tat um und gründen die S&V Hausverwaltung GmbH in Dortmund: Neben Verwaltung, Vermietung und Verkauf von Immobilien, bietet die gelernte Gärtnerin einen Hausmeister-Service an, bei dem ihr Mann sie mit seiner Erfahrung als selbständiger Messebauer mit Rat und Tat unterstützt.

Noch ist nicht alles fertig

Die Pendeluhr in den neuen Geschäftsräumen ist Claudias Glücksbringer, gebaut von ihrem Schwiegervater, Foto: Bettina Brökelschen

Dem Besprechungsraum fehlen zum Zeitpunkt des Interviews noch die Stühle. Kurz nach dem Bezug des Firmensitzes in der Kleinen Werkstraße verwüstet ein Wasserschaden die Küche. Doch solche Zwischenfälle bringen die zierliche Unternehmerin nicht mehr aus der Ruhe, ganz getreu ihrem Lebensmotto: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ – Johann Wolfgang von Goethe

Ihre Träume für die Zukunft: „Endlich nach sechs Jahren in das eigene Haus ziehen. Mein Mann und ich bauen zu neunzig Prozent in Eigenleistung ein Öko-Holzhaus mit Solar- und Photovoltaik-Anlage. Weil wir so viel selbst machen, dauert es eine ganze Weile. Ich freue mich auf das Leben nah an der Natur. Auch wenn die Baustelle mit viel körperlich anstrengender Arbeit verbunden ist, schöpfe ich daraus jede Menge Kraft und fühle mich dort glücklich“, erzählt Claudia sehr überzeugend.

„Außerdem wünsche ich mir, die frisch gegründete Firma erfolgreich bis ins Rentenalter zu führen. Meine Geschäftspartnerin Kerstin hat einen Ausbilderschein. Sobald wie möglich wollen wir Azubis eine Chance bieten“.

Infos unter http://www.svhausverwaltung.de
Text: Annette Mertens
Fotos: Bettina Brökelschen

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Angekommen

68 Gedanken zu “Angekommen

  1. Hallo Annette! Solche Geschichten bauen auf, wobei „Steine“ eher das Normale als die Ausnahme sind… Sich Herausforderungen zu stellen und Lösungen zu finden ist dagegen eher selten. So ist es immer schön, wenn jemand die Geschichten der Allgemeinheit auf eine so einfühlsame Art zugänglich macht.Es hilft anderen, zu sehen, dass sie nicht alleine schlimme Schicksalsschläge bewältigt haben… und dass man sich sehr wohl heraus manöverieren kann (Goethe Zitat!) Leider beschränken sich viele nur auf Lamentieren und damit, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben… Woher ich das weiß? Ich bin Ärztin… (Fachärztin für Innere Medizin, Notfallmedizin und Last not Least Frauenärztin,zuletzt als solche tätig). .. Und höre mir viele solche Geschichten an…
    Ein toller Blog! Übrigens kann ich Dich in vieler Hinsicht sehr gut verstehen… Mein Sohn heißt Jean-Luc nach meinem Lieblings-Kapitän, den Du ja auch kennen dürftest!
    Eine tolle Woche,, Nessy von den happinessygirls.com

    Gefällt 1 Person

  2. Das is ganz meine Mama 🙂 ich bin so unendlich stolz auf dich wie du deinen Weg gemacht hast und das du immer wieder aufgestanden bist. Ich hoffe das ich die ganze Willensstärke und die Stärke von dir auch hab und meinen weg auf so beschreite wie du! Du bist eine starke frau das bewunder ich! ❤
    (D)Eine unglaublich Stolze Tochter.

    Gefällt 6 Personen

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