Wer ist Tobi Katze?

Dortmund. Während Physiotherapeutin Astrid Cramer meinen Schädel bearbeitet erzählt sie mir von Tobi Katze. Den Namen habe ich noch nie gehört. Heißt der wirklich so? Inzwischen weiß ich, dass es ein Künstlername ist. Sie hat ihn als Moderator bei einer Veranstaltung im Literaturhaus Dortmund erlebt und Tränen vor Lachen vergossen. Meine Neugier ist entfacht. Nach einigen Emails treffe ich Tobi zum Interview. Ich bin sehr gespannt.

Tobi Katze, Foto: Christiane Reinert

Viel Zeit, wenig Geld

„Ich habe lange Kulturwissenschaften und Journalistik studiert“, erzählt er. Nach seinem Abschluss arbeitet Tobi etwa zwei Jahre in der Gründungsförderung an der Uni Dortmund. Als der Vertrag ausläuft, steht er ohne Job da, hat ganz viel Zeit und wenig Geld. „So kam ich auf die Bühne zum Poetry-Slam. Ab 2010 versuchte ich, mit meinen Auftritten Geld zu verdienen. Schon nach zwei Monaten lief es so gut, dass ich entspannt als Künstler davon leben konnte. Vom ALG 2 habe ich mich ganz schnell verabschiedet“, fügt Tobi hinzu. Parallel veröffentlicht er Bühnentexte.
Doch die Existenzsicherung für die nächsten Monate bleibt für ihn schwer planbar: „Ich kam nicht mehr aus dem Bett, ging nicht zur Arbeit. Mein Alkoholkonsum war jenseits von Gut und Böse. Die Auftritte schaffte ich nur mit dem Einsatz von Alkohol und Drogen. Etwa fünf bis sechs Jahre ging das so. Fünf Abende die Woche Vollgas. Es musste etwas passieren. Ich habe für mein Leben genug gefeiert.“

Tobi Katze, Foto: Christiane Reinert

Ende 2011 erhält Tobi die Diagnose „Depressionen“. Ein Jahr arbeitet er intensiv in einer Therapie an sich: „Es war erleichternd, zu wissen, weshalb ich so war, wie ich war. Erst mit Beginn der Einnahme von Antidepressiva schaffte ich den Absprung. Seitdem habe ich zwanzig Kilo abgenommen. Der Alkohol war meiner Figur wenig zuträglich“, erzählt der sympathische Dortmunder ganz offen.

Kurz darauf wirft ihn eine schwere Krise aus der Bahn

Eine sehr gute, langjährige Freundin nimmt sich an Weihnachten 2013 das Leben. „Ich musste etwas tun, um die Trauer zu verarbeiten“, sagt Tobi ernst.
In seinem Blog http://derkatze.de schreibt er über Depressionen. Ganz unerwartet trifft er damit einen Nerv: Der Stern klopft bei ihm an. Daraus entsteht der Blog „dasgegenteilvontraurig“.

„Damit war ich irgendwie drin – eine wahnsinnig aufregende Zeit begann“

Seitdem geht Tobi in den Dialog. Er möchte zwischen Depressiven und Nicht-Depressiven vermitteln.
Depression und Humor – geht das zusammen? Bei Tobi Katze funktioniert das sehr gut. Mit seinem Witz und seiner selbstironischen Art schafft er viel Verständnis füreinander. Sein Kommentar dazu:

„Wenn depressiv rumliegen eine olympische Disziplin wäre – Mann, wäre mir das egal“

und führt weiter aus: „Depressionen wirken wie ein Filter. Ich bin dann gefühlsleer. In den depressiven Phasen werden keinerlei Emotionen hervor gerufen. Es ist ein wellenförmiger Kreislauf. Inzwischen kann ich damit umgehen und habe gelernt, wie ich es verstärken oder abschwächen kann. Die oft gehörte Empfehlung, mir im World Wide Web ‚einfach ein paar lustige Katzenvideos anzuschauen, dann würde es schon wieder gehen‘, ist dabei übrigens wenig hilfreich.“

Tobi Katze, Foto: Christiane Reinert

Sein Mantra: „Iss eben so! Ich kann an Dingen nichts ändern, nur meine Reaktion darauf.“

Tobis Wünsche für die Zukunft:

„In meiner Freizeit unbeschwert weggehen können, denn das fällt mir immer noch schwer. Dass alles so wundervoll weiter läuft und ich meinen Job, Menschen zu unterhalten, noch lange ausüben darf und ich ihnen viel geben kann. Außerdem wäre es toll, nicht mehr über Depressionen schreiben zu müssen, weil die Menschen es auch so verstehen. Viel lieber möchte ich weiter Bücher schreiben, denn es gibt so viele schöne Geschichten die erzählt werden wollen.“

Seine Leitsätze: „No matter where you go – there you are“ – ein Zitat aus dem Film „The Adventures of Buckaroo Banzai“ und „Niemand kann einen glücklich machen, außer man selbst.“

Foto: Verlag rororo

Foto: Verlag rororo

Am 25. September 2015 erscheint sein zweites Buch „Morgen ist leider auch noch ein Tag: Irgendwie hatte ich von meiner Depression mehr erwartet“ – erhältlich im Buchhandel und online als Taschenbuch, Kindle und Audio-CD.

Weitere Infos unter http://derkatze.de

Text: Annette Mertens
Fotos: Christiane Reinert

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„Morgen ist leider auch noch ein Tag“

116 Gedanken zu “„Morgen ist leider auch noch ein Tag“

  1. So, hab ich durch. 2/3 aufm Rückflug von Faro, 1/3 heute im Strandpaviljoenin Noordwijk.
    Super gut geschrieben. Da merkt man, dass er es er- und durchlebt hat und nicht nur geschrieben. Hat fast schon therapeutisches Potenzial. Danke für den Tipp!

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  2. Danke für den Buchtipp! Hatte schon was von Tobi Katze erfahren und sehe ihn durch deinen Artikel etwas sympathischer, als er sich selber auf seinem Blog darstellt. Das Buch kauf ich mir. Depression is eins meiner Themen und es Ist an meinem Geburtstag erschienen-das ist ein Zeichen 😉

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  3. Ich finde diesen Beitrag ganz stark. Dass das Schreiben hilft weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich hab es zwar nie zu einem Buch gebracht aber immerhin Märchen und Kurzgeschichten veröffentlicht. Sie erzählen von meinem Seelenleben….eben nicht im hier und jetzt aber zeitlos für alle zu verstehen.

    Mit Märchen wurde ich therapiert sie haben geschafft mir einen neuen Blickwinkel zu vermiteln und ich war so angtan davon, dass ich sowas auch schaffen wollte um mein Leben zu sortieren und anderen einen neuen Blickwinkel zu schenken. Es war der erste Schritt mit der Vergangenheit versöhnt zu leben

    Gefällt 4 Personen

  4. Ich finde dein Erzähl- und Berichtweise über Menschen und deren Lebensweise ganz toll, Annette. Meine auch, dass kritische Gedanken zu diesem sensiblen Thema durchaus erwünscht sind. Allerdings sollten sie „fair“ und ausgewogen bleiben.
    Die Kommentare zeigen doch, dass deine Berichte sehr ansprechend und gekonnt geschrieben sind.
    Im Gegensatz zu Kommentaren in vielen Blogs, die vor lauter Oberflächlichkeit triefen.
    Also, mach weiter so, liebe Annette.
    Grüsse Ernst

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  5. Gegen Depressionen anzukämpfen und diese im besten Fall sogar zu besiegen ist schwierig und kostet viel Kraft. Diese Kraft muss aus einem selbst heraus kommen, doch um überhaupt dazu bereit zu sein, ist es selbst schon ein langer schwerer Weg. Depressive Menschen brauchen daher auch Wegbegleiter, die ihnen zur Seite stehen. Vielleicht kann Tobi mit seiner selbstironischen Art tatsächlich zum Dialog zwischen Depressiven und Nicht-Depressiven beitragen. Es wäre für beide Seiten sicherlich wünschenswert.
    Danke für diese interessante Vorstellung.
    LG
    Astrid

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  6. Danke für diesen Beitrag, der Blog war mir noch nicht bekannt und hab mich die letzten zwei Tage mal durch/quergelesen. Ist wirklich gut, leicht zu lesen und ich mag einerseits den Ansatz, Depression Menschen näher zu bringen, die sie (noch) nicht verstehen (können) und andererseits noch VIEL MEHR den Ansatz, das mit Humor zu tun. Denn psychische Krankheit ganz im Allgemeinen zu „entzaubern“ also weg von dem „kann man als Gesunder ja gar nicht verstehen“ ich glaub das geht wirklich am Besten mit Humor :-). Werde das definitiv weiter verfolgen.

    Also nochmal – Danke 🙂

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  7. Ich musste zwangsweise viele Bücher über Depressionen lesen, und dieses Krankheitsbild ist nicht nur bereits von den alten Griechen behandelt worden, sondern auch sehr vielfältig in der Ausprägung. Sie gehen von wenigen Monaten, bis zu einer lebenslangen Krankheit, und auch Psychologen haben so ihre Probleme das Krankheitsbild zu definieren, auch wenn sie wichtige Gesichter machen. Man schmeisst natürlich auch keine Pille ein und ist wieder Happy, denn es sind keine Kopfschmerzen. Tobi hat sicher eine Form, mit der er zumindest Phasenweise kreativ sein kann, aber es gibt auch Ausprägungen, wo Betroffene nur noch im Bett liegen. In dem Fall dringt kaum noch etwas zu ihnen durch, ich weiß es. Sicher ist aber eines, wenn nur der Ansatz einer Aufnahmebereitschaft besteht, lieben depressive Menschen Humor und Lachen, denn das füllt zumindest zeitweise die Leere im Kopf. Das Buch von Tobi Katz zeigt ja einen humoristischen Ansatz, und ist sowohl leicht genug, um sich eventuell Erstmalig mit dem Thema auseinander zu setzen, und sicher offen genug, um sich selbst als Mensch mit Depressionshintergrund wieder zu erkennen. Trotz deines Verlustes, lieber Abendstern, ist es sicher nicht fair auf Menschen rumzuhauen, die ihre Erkrankung, wenn vielleicht auch nur teilweise, in den Griff bekommen haben. Eine Meinung ist immer wichtig, auch wenn sie nicht dem allgemeinen Verständnis entspricht, aber Häme muss es nicht sein. Da halte ich es mit meiner Großmutter, die immer zu mir gesagt hat: „Junge, wenn du nichts positives über die Leute zu sagen hast, schweig einfach.“ (Hab ich fast immer gemacht) Viel Erfolg für das Buch und danke fürs Lesen.

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  8. da depressive immer wieder gegen nicht verstehen prallen und sich aufmunterungen wie «wenn du … , dann geht es dir besser» anhören müssen, finde ich das vermittelnde wichtig und hoffe, dass besserwissende darauf eingehen können. viel glück, bzw mit der hoffnung auf eine verständnisvollere gesellschaft.

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  9. Leider ist dieser Artikel sehr schlecht recherchiert, bzw. im rein faktischen Sinne absolut neben der Realität. Kein guter Journalismus. Wen wundern da solche Reaktionen. Tobi Katzes Historie ist sowohl im Blog „Dasgegenteilvontraurig“ als auch überall sonst im Netz ziemlich leicht nachzuvollziehen. Wie es aber gelingt, ein wichtiges und spannendes Projekt, ein ausnahmsweise mal anderes „Depressionsbuch“, einen Künstler, der in diesem Artikel nur noch ein saufender Idiot ist und damit das ganze große Thema Depressionen und einen Menschen, der ziemlich brilliant darüber schreibt, in die Belanglosigkeit zu drücken, sehen wir hier.

    Mein Ratschlag: lieber den Blog lesen, sich über das Thema Depressionen und die unterscheidlichsten Ausprägungen selbst infomieren und aufgeschlossen bleiben. Wie immer im Leben.

    P.s.: Liebe Annette Mertens: Echt jetzt? Dieser Beitrag brüllt förmlich „Ist mir eigentlich egal, aber wenigstens gibt’s ein paar Klischees zu verwursten.“. Uncool.

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  10. Hallo zusammen,

    Anatole mit seinem Topf (Hochsensibilität, Depression, Behinderung – als was auch immer man diesen Topf verstehen mag) vermittelt genau das, was sich alle nicht-Normalos wünschen. Nämlich Akzeptanz, Integration und dass die Leute einen so mögen, wie man ist. Wobei man den Normalo auch erstmal definieren müsste. Was ist schon normal? Es gibt sicherlich ein gewisses Toleranzband für gewisse Eigenschaften, die man so in die Gemeinschaften einbringt… Nun ja, anderes Thema.

    Viel Spaß mit Anatole und seinem Topf – eigentlich eine Kindergeschichte aus Frankreich:
    http://cinema.arte.tv/de/der-kleine-topf-von-anatole

    Liebe Grüße,
    Julia

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  11. Moin, Moin!
    Das Buch werde ich mir definitiv kaufen.
    Danke für den Tipp…ich freue mich über jede Aufklärung.
    Danke für deinen Beitrag, liebe Annette.
    Auch in meiner Verwandtschaft gab es einen Fall von tiefer Depression, der junge Mann konnte es nicht verarbeiten und lebt nicht mehr.
    Ich wünsche dir Tobi für deine Zukunft viel Erfolg!
    Eine gute Woche wünscht
    die Nixe

    Gefällt 2 Personen

  12. Depressionsbücher gehen mir sowieso auf den keks
    heute scheint es modern zu sein eine Depression zu haben oder haben zu wollen, man kann damit viel posten in Blogs und auch Bücher schreiben, obs jetzt stimmt oder nicht, ich denke wer eine richtige Depression hat, kann nicht mehr schreiben. so siehts doch aus, was meinst Du. Meine Mutter hatte eine wirkliche Depression von mehr als 30 Jahren, die schrieb keinen Satz mehr, der Antrieb irgendwas zu tun war vollkommen weg. sie war in der klinik. Aber obs was gebracht hat kann ich nicht sagen, sie ist tot schon viele viele jahre

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