„Mein Bauch sagte mir, das funktioniert“ – Le chat qui lit

Dortmund. Die Liebe zu Büchern entsteht durch ihren Großvater. Als kleines Mädchen schaut ihm Iris Harlammert oft heimlich beim Lesen zu. Es fasziniert sie, wie ein Mensch stundenlang in ein Buch schauen kann, gelegentlich eine Seite umblättert und dabei höchstens mal mit dem Fuß wackelt.

Ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Büchersortiment, Foto: Annette Mertens

Ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Büchersortiment, Foto: Annette Mertens

Zum 13. Geburtstag wünscht sie sich einen Nietzsche-Band

„Trotz des darauf folgenden Augenbrauen-Hochziehens erfüllten meine Eltern mir diesen Wunsch“, erzählt Iris lachend.

Die Tochter eines Chemikers und einer Näherin/Verkäuferin wächst in Recklinghausen auf. Sie träumt davon, mit Büchern zu arbeiten. Als Kind eines geburtenstarken Jahrgangs ergibt sich für sie nach dem Schulabschluss dazu keine Gelegenheit. Statt also Germanistik zu studieren, Buchhändlerin oder Restauratorin zu werden, entscheidet sie sich für eine kaufmännische Ausbildung. „Danach landete ich im Einkauf eines deutschen Unternehmens und bin damit seit dreißig Jahren sehr zufrieden“, fügt Iris hinzu.

Begrüßungsworte zur Lesung: Henry Miller - Erzählungen, Foto: Annette Mertens

Begrüßungsworte zur Lesung: Henry Miller – Erzählungen, Foto: Annette Mertens

„Der Job gibt mir Sicherheit und schafft mir die Basis, meine Träume zu leben“

Ab ihrem siebzehnten Lebensjahr lernt und arbeitet Iris in ihrer Freizeit in einer Schreibwerkstatt. Vor fünfzehn Jahren keimt in ihr die Idee, die Liebe zu Büchern, insbesondere alten Büchern, mit Lesungen zu kombinieren. Seither sammelt und hortet sie alte Schätze in ihrem Keller.

Iris kurz vor ihrer Lesung am 26.02.2016, Foto: Annette Mertens

Iris kurz vor ihrer Lesung am 26.02.2016, Foto: Annette Mertens

Ihren lang gehegten Traum setzt sie vor über fünf Jahren in die Tat um: „Eine Freundin erzählte mir freudestrahlend von einem stark renovierungsbedürftigen, ehemaligen Kiosk, für den ein Nachmieter gesucht wird und drückte mir die Telefonnummer des Vermieters in die Hand“, erinnert sich Iris. „Drei Monate renovierten wir nach Feierabend und an den Wochenenden das achtzig Quadratmeter umfassende Ladenlokal“. Im Oktober 2010 eröffnet sie, unweit des Kreuzviertels, in der Harnackstrasse 32 in Dortmund „Le chat qui lit“ – ihr Antiquariat, in dem sie – neben ihrem Vollzeitjob – Lesungen und Ausstellungen veranstaltet. Sie möchte damit allen Literaturinteressierten einen gemütlichen und ungezwungenen Treffpunkt bieten.

Von Mainstream keine Spur

Glückskatze Mia, Foto: Iris Harlammert

„Coucou, cool cat!“ – Glückskatze Mia, Foto: Iris Harlammert

„Den Laden gestalte ich so, wie ich es als Kundin selbst gerne hätte“, erzählt sie weiter. Es gelingt Iris, die Atmosphäre eines gemütlichen Wohnzimmers zu erschaffen. Als ich das Antiquariat zum ersten Mal betrete, bin ich angenehm überrascht: Zwischen unzähligen Büchern laden viele Sitzgelegenheiten zum gemütlichen Schmökern ein. In einer anderen Ecke duftet es nach handgefertigten Seifen aus einem südfranzösischen Kloster, die sie zum Verkauf anbietet. Jetzt fehlt nur noch die Katze, die mir um die Beine schleicht, denn neben regelmäßigen Reisen nach Südfrankreich, gehören die vierbeinigen Leisetreter fest zu ihrem Leben.

„Macht es mehr wie die Katzen: Tut das, was euch gut tut“

Aktueller denn je: Das Zitat von Hesse im Le chat qui lit, Foto: Annette Mertens

fügt Iris hinzu, deren Glückskatze Mia es sich derweil zu Haus gut gehen lässt.

Auf der Website des Antiquariats heißt es: „Die literarischen Veranstaltungen bedienen bewusst nicht den sogenannten Mainstream, daher werden Schriftsteller wie Marguerite Yourcenar, August Strindberg, Louis Ferdinand Céline oder Jochen Klepper vorgestellt oder komplette Werke vorgetragen (Theodor Storm, Oscar Wilde, Stevenson)“. Diese Idee entwickelte Iris gemeinsam mit dem Schauspieler Carsten Bülow und wird in dieser Form sonst nicht angeboten. „Wir wollen, dass alte oder vergessene Werke wiederentdeckt werden. Das Programm spricht ein breites Publikum an: Krimis, Kinder- und Jugendbücher, Klassiker, Reiseberichte, Experimentelles usw.“

„Das Antiquariat ist für mich keine Arbeit, sondern Erholung“

Iris steht durch ihren langjährigen Vollzeitjob nicht unter finanziellem Druck: „Ich kann realisieren, was ich möchte“, erzählt sie beim gemeinsamen Kaffee zwischen den Büchern.

Eines Tages kommt ihr die Idee zur SINNfonie – ein Projekt mit Texten, Malerei und Wein, die jeweils aufeinander reagieren und die Sinne schärfen. „Mein Bauch sagte mir, das funktioniert. All meine Erwartungen wurden sogar übertroffen“. Im Oktober 2016 wird die SINNfonie zum vierten Mal stattfinden. Iris möchte mit diesem Projekt dazu anregen, die Sinne bewusster einzusetzen und sich die Zeit dafür zu nehmen.

„Ich möchte etwas weiter geben: Die Leidenschaft für Literatur“

Es geht locker und familiär zu. „Selbst bei Lesungen mit schweren Texten wird man nicht allein gelassen. Im Gegenteil, es entstehen hinterher viele spannende Gespräche und Diskussionen. Auch den vortragenden Autoren machen die Lesungen Spaß, denn sie genießen den Austausch mit den Besuchern“.

Gibt es dort auch: Seife aus einem französischen Kloster und Geschirrtücher aus Frankreich, Foto: Annette Mertens

Im Sortiment: Seife aus einem französischen Kloster und Geschirrtücher aus Frankreich, Foto: Annette Mertens

Ihr Leitsatz/Motto ist ein Zitat von Jorge Luis Borges: „Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt“.

Ihre Wünsche für die Zukunft: „Es gibt zur Zeit nichts Konkretes. Das Suchen, Finden und Gefundenwerden zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. So geht mein Weg immer weiter. Man ist ja nie am Ziel: Haltepunkte sind wichtig, Zwischenziele, um sich zu fokussieren“.

Weitere Infos unter http://www.lechatquilit.de

Die Öffnungszeiten: freitags von 17:30 bis 19:30 Uhr, samstags von 10:30 bis 14:00 Uhr und wenn das Tor offen ist, zusätzlich bei Lesungen und Events.

Text: Annette Mertens

Fotos: Annette Mertens, Iris Harlammert

80 Quadratmeter gefüllt mit Büchern, Foto: Annette Mertens

80 Quadratmeter gefüllt mit Büchern, Foto: Annette Mertens

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Eine Frau, eine Katze, ganz viele Bücher

68 Gedanken zu “Eine Frau, eine Katze, ganz viele Bücher

  1. Habe Deinen Eintrag über diese bezaubernde Bücherfrau jetzt erst gelesen, hab Dank, Du schilderst hier einen Lebens-Lese-Traum…großartig! Was es doch noch alles an Ideen gäbe, ach, das spornt meine Experimentierlust an, ganz beträchtlich! Viele liebe Grüsse von der Graugans

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  2. ein sehr schönes Portriat, wie ich finde. Schön geschrieben!!

    Unsere Wege, Iris, kreuzten sich bereits. Lange Zeit ist’s her. Dennoch – ein Antiquariat!! Wie passend!! Zu Zeiten des Literaturpreises in Marl kennengelernt haben wir uns.
    Ich komme bald zum Stöbern!

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  3. Ein tolles Portrait, liebe Annette. Wirklich so schön geschrieben! Menschen rücken bei deinen Präsentationen einzigartig in den Mittelpunkt. Es wird Zeit mal wieder ins Kreuzviertel zu fahren! 🙂
    Herzliche Grüße, die Emily

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  4. Pingback: Ruhrköpfe

  5. Pingback: Blogbummel Februar 2016 – 2. Teil – buchpost

  6. Bücher und eine Katze: klar, das ist was für mich! Mann, das wäre wohl ein gefährlicher Ort für meinen Geldbeutel! 🙂
    Schön auch mit den Zitaten: Hesse, klar, aber auch der Satz mit dem Paradies von Borges. Ein Paradies, das Bücher enthält – tolle Vorstellung! Ein sehr gelungenes Portrait, liebe Annette, würde ich in Dortmund wohnen, würde ich vorbeifahren!
    Liebe Grüße
    Christiane (mit Kaffee und Keks, du hast noch?)

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  7. Pingback: Fragen von Roe Rainrunner – Arno von Rosen

  8. So eine Bücherei müsste es auch mal wieder hier in der Gegend geben. Leider machen die kleinen Büchereien eine nach der anderen zu. Ich liebe deine Geschichten von Menschen, die optimistisch und mit viel Energie ihre Träume verwirklichen. Die Liebe zu Büchern kann ich absolut nachvollziehen, ist doch eine der Lieblingsbeschäftigungen von mir und „Mademoiselle“ das Durchstöbern von Bibliotheken.
    Liebe Grüsse,
    Claudine

    Gefällt 4 Personen

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