Handwerk und Psychologie – eine ungewöhnliche Kombination

Janine Herden mit Hündin Tinchen, Foto: privat

Vor einigen Wochen lese ich in Maikes Blog „Flowers and candies“  ein Interview mit Janine Herden. Das Portrait dieser Frau würde gut in die Ruhrköpfe passen. Einige Tage später treffe ich Maike zufällig und erzähle ihr davon. Angenehm unkompliziert, wie sie so ist (ihr findet mein Portrait über Maike hier: https://ruhrkoepfe.wordpress.com/2014/07/14/erlebe-meine-stadt-eine-liebeserklarung/), gibt sie mir Janines Kontaktdaten und einige Wochen später treffe ich die Bochumerin im Dortmunder Kreuzviertel: Auf den ersten Blick schon sehr sympathisch, denn zum Interview bringt sie ihre Hündin „Tinchen“ mit.

„So cool wie Lena Odenthal im Tatort wollte ich sein“

Als Teenie träumt Janine von einer Karriere als Kommissarin. Doch wegen einer Hornhautverkrümmung klappt das leider nicht. Janine weiß nicht so recht, welchen Berufsweg sie statt dessen einschlagen soll. In der Fachoberschule für Soziales kommt sie mit dem Thema Psychologie in Kontakt und findet das sehr spannend. Durch befreundete, angehende SozialarbeiterInnen schreibt sie sich ebenfalls für das Studium ein. Weil ihr das alles schnell zu theoretisch wird, jobbt sie jedoch überwiegend, unter anderem für Apotheken als Kurierfahrerin.

Zu dieser Zeit arbeitet eine Freundin als Gesellin in einer Maler-Firma. Durch sie und den Kontakt zu einem Hagener Fußballverein lernt Janine deren Chef kennen, der sie sofort als Maler-Azubi einstellt.

„Mir hat die Arbeit vom ersten Tag an richtig viel Spaß gemacht“

erzählt sie. „Ich konnte mit einer guten Freundin zusammen arbeiten, habe von allen Kollegen viel gelernt und war immer unterwegs“.

Bereits im zweiten Lehrjahr arbeitet die damals Anfang Zwanzigjährige bei vielen Kunden eigenständig und selbstverantwortlich. Nach drei Jahren schließt Janine die Ausbildung erfolgreich ab und bleibt noch etwa ein Vierteljahr als Gesellin im Ausbildungsbetrieb. Sie jobbt anschließend bei verschiedenen Malerfirmen und findet bald eine Festanstellung in Hagen-Hohenlimburg. Wegen geplatzter Schecks ihres Chefs und unzuverlässiger Gehaltszahlungen zieht sie weiter zu einem Betrieb in Wetter. Ihren guten Gesellen-Kollegen Manni nimmt sie dabei gleich mit. Immer öfter denkt Janine darüber nach, selbst Meisterin zu werden und meldet sich bald für den Meisterkurs in der Abendschule an.

Einer der beiden Mitarbeiter in Janines Betrieb, Foto: privat

Tinchen – tiefenentspannt mitten in der Baustelle, Foto: privat

Noch während dieser Fortbildung gründet sie mit ihrer Maler-Kollegin Andrea eine GbR und besteht kurz darauf an einem Freitag, den 13. ihre Meisterprüfung. Insgesamt fünfzehn Jahre sind die beiden Frauen mit ihrem gemeinsamen Malerbetrieb erfolgreich. Sie stellen Gesellen ein und bilden Azubis aus. Beide haben als gleichberechtigte Chefinnen ihre klar umrissenen Rollen. So klappt es lange Zeit sehr gut, bis sich im Lauf der Jahre die Rollen verschieben und der Betrieb dadurch in Schieflage gerät. Konflikte führen zum Ende der gemeinsamen Selbstständigkeit.

Jede macht für sich selbst weiter

Geselle in Aktion, Foto: privat

Heute sind die beiden immer noch gut befreundet und helfen sich bei Bedarf gegenseitig aus. Janine führt bereits seit 2012 als Malermeisterin ihren eigenen Betrieb in Bochum. Aktuell beschäftigt sie einen Gesellen und einen Azubi, der bald seine Ausbildung abschließt. Es läuft gut für sie.

Hündin Tinchen ist auf den Baustellen fast immer dabei. Aus der Not, die Vierbeinerin nicht den ganzen Tag allein zu Haus zu lassen, ist inzwischen eine lieb gewonnene Gewohnheit geworden: Viele Kundinnen und Kunden fragen schon beim nächsten Auftrag nach, ob Tinchen denn hoffentlich wieder dabei sein wird.

Tinchen als Bauaufsicht, Foto: privat

Janines Wünsche und Träume für die Zukunft:

„Für den Betrieb: Größer werden mit einem weiteren guten Gesellen und hoffentlich fit, um weit bis ins Rentenalter arbeiten zu können.  Ansonsten setze ich meine Träume bereits in die Tat um und gönne mir inzwischen regelmäßig Urlaub oder auch zwischendurch immer mal einen freien Tag. Das schlechte Gewissen ist dabei fast weg“, erzählt sie lachend.

„Der Druck ist deutlich weniger geworden, seit ich mir nicht mehr so viel den Kopf darüber mache. Irgendwie geht es ja doch immer weiter“

In ihren Urlauben möchte Janine immer etwas Neues lernen: Die Malermeisterin absolviert vor einigen Jahren eine Psychodrama-Ausbildung (kurz zur Info: es handelt sich um eine Methode in der Psychotherapie), bei der sie Maike kennen lernt und bis heute gut mit ihr befreundet ist.

Diese ungewöhnliche und fortschrittliche Kombination aus Handwerk und Psychologie begeistert mich als ‚Systemischen Coach‘, denn als Chefin eines Handwerksbetriebes arbeitet sie viel mit MitarbeiterInnen und KundenInnen. Psychologische Kenntnisse sind dabei sehr hilfreich, insbesondere bei der adäquaten Bewältigung von Konflikten, zur Vermeidung von Missverständnissen und anderen Kommunikationsproblemen, die bei allen zwischenmenschlichen Begegnungen vorkommen können. Es sind häufige Themen in meinen Coachings.

Janines Lebensmotto:

Janine in ihrem Element, Foto: privat

„Alles geschieht zur rechten Zeit. Es passiert mir, was passieren soll. Es liegt an mir, damit positiv und konstruktiv umzugehen“. Janine ergänzt noch: „Bei wichtigen Wendungen in meinem Leben bekam ich immer die Unterstützung von Freunden und Kollegen. Das bedeutet mir sehr viel“.

Weitere Infos unter http://janine-herden.de/

Verputzarbeiten und neue Techniken zählen zu Janines Schwerpunkten und Lieblingsarbeiten.

Text: Annette Mertens, Fotos: privat

 

„Irgendwie geht es ja doch immer weiter“

36 Gedanken zu “„Irgendwie geht es ja doch immer weiter“

  1. Liebe Annette, toll dass du so ein Fingerspitzengefühl für interessante Menschen hast und sie uns vorstellst. Vielleicht sind sie auch gar nicht so selten, wie man vielleicht denkt? ;-)

    Ich freue mich für Janine, dass sie „ihren“ Beruf gefunden hat. Das ist ja durchaus nicht selbstverständlich, und dann macht sie sich auch noch selbständig damit, mutig, perfekt!
    Psychologie kann man ja vielfältig kombinieren, denn sie ist überall da relevant, wo Menschen aufeinander treffen … ;-)
    Thumbs up, Janine!!!

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  2. Der Lebensweg ist sehr interessant und der Titel „Irgendwie geht es ja doch immer weiter“ passt perfekt. Von Kommissar, Psychologie, Maler und dann wieder Psychologie zu kommen klingt auf jeden Fall nicht langweilig. Es macht Mut einfach auszuprobieren und neugierig seinen Weg zu gehen
    LG Andrea

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  3. Ein tolles und interessantes Portrait einer Frau, die eine Kombination im Berufsleben gefunden hat, der ich Respekt zolle.

    Tut gut, dich wieder zu lesen und auch meinen Gedanken dazu, lasse ich gerne freien Lauf.

    Weiter geht’s natürlich immer, auch an Tiefpunkten, aber sich nicht unterkriegen lassen, das ist die Lebenskunst !!!

    Guten Start in die Woche für dich und ganz liebe Gute Nacht Grüße,
    Uschi <3

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  4. Ein tolles Porträt . Was mir aber am besten daran gefällt, ist dieser Satz: „„Alles geschieht zur rechten Zeit. Es passiert mir, was passieren soll. Es liegt an mir, damit positiv und konstruktiv umzugehen.“ Das ist eine tolle Einstellung und diesen Satz werde ich mir zuhause aufhängen. Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Katja

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  5. „Alles geschieht zur rechten Zeit. Es passiert mir, was passieren soll.“ – Das finde ich soooooo , soooooo wichtige und tragende Elemente im Lernprozess, sich dem Leben hinzugeben… und die Erkenntnis, dass es an einem selbst liegt, was man daraus macht, nimmt Ohnmacht und gibt Kraft… und genau so ist es ja auch! Wenn man das erst mal für sich erkannt hat, kann man anders leben, auch wenn einem wirklich schlimme und traurige Dinge widerfahren sind… … Ein kraftvoller Artikel über einen spannenden Menschen – wieder mal;-)!

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  6. Ein wunderschönes Portrait, das einen interessanten Menschen zeigt, deren Lebensweg Hoffnung aufzeigt und macht.
    Ich finde sehr interessant und für mich gut, dass dieses schlechte Gewissen beim Freimachen angesprochen wird – und dessen nur langsame Überwindung – das kenne ich nämlich auch.
    Viele Grüße!
    Talianna

    Gefällt 2 Personen

  7. Moin liebe Annette! Jedes Mal freue ich mich über eines deiner Portraits, wenn du Menschen zeigst, die ihren Weg mit allen Umwegen und Abzweigungen beschreiben und beschreiten. Janines Lebensmotto gefällt mir sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  8. Moin liebe Annette! Ich lasse mal deine letzten Portraits revue passieren und immer wieder fällt mir auf, dass die Jobs zu den Menschen gekommen sind, auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Leben ist wohl nicht oder nur bedingt planbar und genau dies macht die Spannung in deinen Artikeln aus. Vielen Dank dafür und einen wunderbaren Frühlingssonntag!

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    • Moinsen lieber Arno, ich danke dir. „Leben ist das, was passiert, während wir andere Pläne machen“ oder so ähnlich ;-) Ein Zitat von John Lennon, soweit ich weiß. Ich wünsche dir einen angenehmen Sonntagabend, liebe Grüße, Annette

      Gefällt 3 Personen

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