„Für mich ist das Glas immer halb voll“

Eine Frau trotzt den Widrigkeiten des Lebens und unterstützt andere dabei

Nach der Veröffentlichung von „Nichts sollte sich ändern…“ erzählt mir eine gute Freundin von Alena, die in einem TV-Beitrag für den WDR über das Thema „Krebs bei jungen Menschen und die daraus häufig resultierende Armut“ spricht. Für mich ist schnell klar, dass ich gerne über sie schreiben möchte:

Alena Burghoff ist selbst ausgebildete Krankenpflegerin und erfährt während ihres späteren Studiums für Gesundheitspsychologie & Pflege im vierten Semester – noch vor Corona – von ihrer Krebserkrankung.

Trotz der anstrengenden und Kraft raubenden, langwierigen Behandlung und damit verbundenen Operationen setzt sie ihr Studium fort, denn eine Unterbrechung durch ein oder zwei Urlaubssemester hätte zu viele negative Konsequenzen mit sich gebracht. Alena beschließt, während ihrer Arbeitsunfähigkeit in den achtmonatigen Chemo-Behandlungs-Zyklen, ihren Kopf nicht nur zu fordern, sondern sich damit auch von der Krankheit abzulenken: Sie schreibt alle Klausuren und Hausarbeiten wie geplant.

Eine sehr anstrengende Zeit, physisch und psychisch

Doch letztlich läuft es mit der guten Unterstützung ihrer Studienkolleginnen ganz hervorragend.

Alena hat Glück, dass ihre Eltern zu Beginn der ersten Ausbildung bereits darauf drängen, eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen, die mit Beginn ihrer Krebserkrankung sofort zahlt, denn sie erlebt, wie viele junge Erkrankte, die noch gar nicht richtig in ihrem Berufsleben angekommen sind, extrem unter finanziellen Druck geraten. Häufig drohen Überschuldung und Wohnungsverlust.

 

Alena Burghoff, Foto: privat

Sie wählt daher das Thema Krebserkrankung und Wiedereinstieg in den Beruf für ihre Bachelor Thesis da der Durchschnitt der Krebserkrankenden bei etwa 55 Jahren liegt, bei denen sich die finanzielle Situation häufig weniger dramatisch bzw. ganz anders gestaltet.

Junge Erkrankte sind häufig überhaupt nicht abgesichert

Für 90 Prozent der jungen Kranken wirkt sich die finanzielle Seite ihrer Krankheit sehr kritisch aus. Sie kennen häufig weder ihre finanziellen, gesetzlichen Unterstützungsmöglichkeiten, noch sind sie in dieser Ausnahmesituation in der Lage, sich um die umfangreichen Antragstellungen zu kümmern, mit denen es viele zum ersten Mal in ihrem Leben zu tun bekommen.

Wie soll ein lebensbedrohlich Erkrankter die bürokratischen Hindernisse bewältigen, wenn es für Gesunde häufig schon schwer ist?

Alena Burghoff, Foto: privat

Seit Sommer 2020 arbeitet Alena ehrenamtlich bei der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Die Stiftung unterstützt ihre Abschlussarbeit mit einem Fragebogen an die Probanden, die sie betreuen und erhalten Alenas Arbeitsergebnisse als Gegenleistung. Über diese Stiftung entsteht auch der Kontakt für den Beitrag mit dem WDR.

Ihre Bachelor Thesis hat Alena inzwischen vor wenigen Wochen erfolgreich abgeschlossen. Für ihre Zukunft wünscht sie sich eine hauptberufliche Pädagoginnen-Stelle  für die Pflege mit beratenden Aspekten.

„Für dich ist das Glas immer halb voll“ ist ein Zitat ihrer Mutter über Alenas Verhalten in dieser krisenhaften Zeit, denn, so sagt Alena, „die Krankheit hat mich zum Positiven verändert: Heute denke ich, es wird schon. Positiv bleiben, statt mich tage- oder wochenlang zu ärgern. Wir sind gesund, es ist doch alles ok“.

„Ich fühle mich privilegiert“

„Mit finanziellen Sorgen wäre doch alles ganz anders gelaufen“, fügt sie hinzu, „daher möchte ich die Erkrankten mit weniger Glück unterstützen“.

Was letztes Jahr nicht geklappt hat, soll dieses Jahr klappen

Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums und dem aufwendigen Papierkrieg beginnt nun endlich ihre eigene vierwöchige Reha.

„Dieses Jahr werde ich richtig durchstarten“

Denn bei diesem Wust an Bürokratie und Papierkram parallel zu einer schweren Krankheit nach einer frischen Diagnose, brauchen insbesondere junge Menschen professionelle Unterstützung für ihre existenziellen Angelegenheiten.

Außerdem möchte sie sich zusätzlich diesen Aufgaben widmen:

Was brauchen junge an Krebs erkrankte Menschen?

Was bedeutet diese Krankheit junger Menschen für unsere Gesellschaft? Für Arbeitgeber?

Was brauchen junge Krebserkrankte zum Gesundwerden?

Es geht nicht nur darum, sich auf die Krankheit zu beziehen, sondern den Lebensabschnitt und das Lebensalter eines/einer 20-, 30- oder 40jährigen mit einzubeziehen. 20jährige brauchen andere Angebote als 50jährige, um zu gesunden.

Alenas Wünsche/Träume für die Zukunft:

Alena Burghoff, Foto: privat

„Für ganz lange Zeit gesund bleiben. Bald wieder arbeiten, nicht mehr in der Pflege, sondern in der Pflegepädagogik durch Beratung und Unterstützung. Am Ende des Tages mit dem guten Gefühl, Menschen geholfen zu haben. Ansonsten bin ich gerade mit allem glücklich und zufrieden. Trotz Corona. Ich lebe in stabilen, sozialen Verhältnissen und trotz anderer familiärer Erkrankungen erhalte ich großartige Unterstützung von allen Seiten. Ich habe keine existenzielle Not, gute Freunde und Bekannte“.

Was ist für dich das Gute an dieser Krankheit und wie nutzt die Zeit für dich?

„Prioritäten setzen. Nicht zu viel zu arbeiten. Dankbarkeit. Das Leben anders gewichten. Kritischer hinschauen, was mir gut tut bzw. was mich unnötig belastet. Insgesamt entspannter geworden zu sein und flexibler darauf zu reagieren, was ich gerade brauche. Alles um mich herum intensiver wahrnehmen, innen wie außen“.

Text: Annette Mertens

Fotos: privat

Hier noch mal der Hinweis zum oben erwähnten WDR-BeitragWie der Krebs Marvin in die Schulden trieb„, in dem Alena über Krebs bei jungen Menschen und die daraus häufig resultierende Armut spricht: 

 

 

„Für mich ist das Glas immer halb voll“

50 Gedanken zu “„Für mich ist das Glas immer halb voll“

  1. Ungeheuer, die Energie. Bewundernswert und vor allem: zu diesem Zeitpunkt offenbar mit einem höchst erfreulichen Ausgang. Trotzdem Fragen!
    Die BU hat gezahlt? Das ist eine Überraschung. Normalerweise kämpfen die meisten Versicherer mit harten Bandagen um jeden Cent. Hatte sie auch eine Rechtschutzversicherung, bei einem anderen Anbieter?
    Ich kenne jedenfalls mehr Fälle, in denen die BU nicht gezahlt hat, als andere. Und auch da fiel mir was auf: schön, Krebserkrankung, das nehmen sie dann gerade noch ernst (mein Gegenbeispiel wäre u.a. MS). Aber sie hat ja weitergearbeitet, hat ihr Studium fortgeführt, da fand der Versicherungsdetektiv keinen Grund, einzuhaken?
    Wie gesagt, das ist bewundernswert. Ich weiß nicht, kann mir nicht einmal vorstellen woher sie die Kraft nahm, ihr Studium fortzusetzen, Arbeiten zu schreiben. Da u.a. Anwesenheit oft nicht möglich war muß sie auch sehr hilfsbereite, nette Kommilitonen gehabt haben, dito Professoren und eine Verwaltung, die durchaus eine ungewöhnliche, studentenfreundliche Beweglichkeit an den Tag legten! Ohne im Einzelnen zu wissen, wer über welche Hürde gestiegen ist, kann man die mal pauschal alle loben!
    Und sich nach erfolgreichem Abschluß eigentlich wieder mit dem ureigenen Problem, der furchtbaren Erkrankung und der nicht weniger schrecklichen Behandlung, auseinanderzusetzen braucht ebenfalls Mumm. Ich denke, dass viele sich rasch ein anderes Feld gesucht hätten, es gibt ja leider Gottes genug Probleme und Fallstricke, in denen Menschen herumstolpern (um beim medizinsichen zu bleiben: Wer gesnd ist, ist nur noch nicht gründlich untersucht), nur nicht immer sozusagen in einen Spiegel blicken…

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    • Ja, das dachte ich während des Interviews auch: Was für ein Energiebündel.
      Ihr half die Arbeit im Studium, sich nicht permanent mit ihrer Krankheit auseinandersetzen zu müssen. Ein Studium mit Unterstützung der Einrichtung und mit Studienkolleginnen zu Ende bringen und ein täglicher Vollzeitjob im Pflegebereich sind sehr verschiedene Tätigkeitsfelder. ich denke, da haben ihre Eltern beizeiten eine gute Vorsorge für ihre Tochter bei einer der wenigen guten Versicherungsgesellschaften getroffen und wie Alena selbst sagte: „Ich fühle mich privilegiert“,
      „Mit finanziellen Sorgen wäre doch alles ganz anders gelaufen“, „daher möchte ich die Erkrankten mit weniger Glück unterstützen“.

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  2. So wichtig ist es die Krankheit zu akzeptieren und an sich zu denken.
    Wir sollten einige wichtige Pflichtversicherungen haben oder zumindest die Menschen aufklären.
    Würde mir wünschen, dass es in der 10 Klasse im Unterricht behandelt wird welche Versicherungen man wirklich braucht.
    Danke für deinen so guten Beitrag der Mut macht.
    Schöne Grüße aus Greifswald
    Heike

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  3. Immer wieder erlebe ich, wie Menschen, Familien, komplett aus der Bahn geworfen werden auf Grund einer solchen Erkrankung. Es gibt immer noch viel zu wenig Hilfen bzw..zu wenig Informationen und Unterstützung, damit diese Erkrankung bewältigt werden kann fur alle die daran mit hängen. Und leider sind die hilfsangebote auf Grund von corona zurück gegangen und können viel schwerer wahr genommen werden. Das macht mich sehr traurig. Ich hoffe das kreative Ideen geboren werden, um wieder an krebs Patienten herantreten zu können um Hilfe anzubieten. Viele Grüße Katrin

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  4. Da hast du vollkommen recht, man macht sich weniger Gedanke, wie jüngere Menschen das ganze finanziell stemmen sollen. Unglaublich, wie die junge Dame, das ganze gemeistert hat, mein Lob und mein Respekt! Ich finde gut, dass du die Geschichte mit uns geteilt hast. Liebe Grüße an euch beide!

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  5. Liebe Annette,
    ein berührender, erschreckender Beitrag über ein wichtiges Thema, über das wir nie zuvor nachgedacht haben. Habe herzlichen Dank für deine informative Post.
    Mit lieben Grüßen vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    :-) :-) :-) :-)

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  6. Vielen Dank, dass du die so ausführlich beschrieben hast, Annette! Herzlichen Glückwunsch an Alena, die das sehr toll und tapfer überstanden hat. Ja, da muss von staatlicher Seite noch nachgebessert werden. Vielleicht ergibt sich im Zusammenhang mit diesem sog. „Post-Covid“-Syndrom eine Möglichkeit. Schliesslich unterhalten wir unsere Politiker:innen nicht dafür „Nebengeschäfte“ zu betreiben. ;-) Sorry, dies musste jetzt mal sein, weil ich ja aus dem Bundesland komme, in dem in letzter Zeit so viele „Merkwürdigkeiten zu Lasten der Allgemeinheit“ geschehen sollen. Wünsche dir ein schönes Wochenende! Be prepared for the next Lockdown! ;-( Michael

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  7. Erst einmal möchte ich dir, liebe Annette, danken, dass du über diese junge Frau geschrieben hast, die sich so tapfer durch ihre schwere Zeit und ihre so ätzende Krankheit gekämpft hat – so viele Hüte kann ich gar nicht aufsetzen, um sie dann danach vor Alena zu ziehen. Zum Glück bin ich bisher vor jeglicher Art von CA verschont geblieben, aber diese Krankheit mehr als genug in meinem Umfeld erlebt.
    Grüße bitte Alena ganz herzlich von mir, ich kann zumindest erahnen, was sie geleistet hat.
    Lieben Gruß von Clara

    Gefällt 3 Personen

  8. Es braucht mehr Berichte über Menschen wie sie, liebe Annette, denn es gibt sie, man sieht sie nur nicht. Es braucht auch mehr Menschen wie sie, die die Mitmenschlichkeit in den Vordergrund stellen, und Berichte über sie ermutigen andere. 😁
    Es geht nur miteinander. ❤️
    Herzliche Morgenkaffeegrüße an sie und an dich! 😁🌥️☕🥐👍

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  9. ich habe täglich mit krebserkrankungen zu tun, weil ich die daten dazu dokumentiere. krebs ist eine volkskrankheit, quer durch alle altersschichten. wobei die alten schon wesentlich stärker betroffen sind.
    alle hochachtung vor dieser jungen frau. viele tausend namen wandern über meinen schreibtisch. und hinter jedem steht ein persönliches schicksal, eine krankengeschichte… unsichtbar. schön, dass du hier einen dieser menschen vorstelltest. alles gute für alena!

    Gefällt 7 Personen

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