Wir Ruhris sind wie Unkraut – nicht klein zu kriegen

Ursula Maria Wartmann, Foto: Margarete Radeck

Dortmund. Das Portrait über Ursula Maria Wartmann zeigt den Trend im krisengebeutelten Ruhrgebiet: Briketts fliegen schon lange nicht mehr durch die Luft. Malocher gibt es auch keine mehr. Die ehemaligen Industriestandorte von Kohle und Stahl entwickeln sich zu touristisch attraktiven Kultur-Denkmälern, sind Zeitzeugen einer vergangenen Ära. Hinter den Fassaden der ehemaligen Bier-Brauereien, Zechengebäude und Stahlwerke entsteht im multikulti-geprägten Ruhrgebiet eine Metropole für Kunst und Kultur. Dazu zählt auch die Gegend um das Dortmunder „U“ im Westen der Innenstadt, früher Standort einer großen Brauerei: Das Union-Viertel. Hier lebt und arbeitet Ursula Maria Wartmann, genannt Ulla. Sie wächst in einer gutbürgerlichen Familie in Oberhausen auf. Nach ihrem Abitur studiert Ulla ein Semester Pädagogik an der PH Essen. Weil es ihr dort zu brav zugeht, setzt sie das Studium zur Soziologin in Aachen fort. Erst einige Semester später findet die Studentin in Marburg das bunte, wilde Leben, das sie zu dieser Zeit sucht:

„Ich wollte etwas bewirken, mich für die gute Sache einsetzen

Ausschnitt eines gemalten Portraits von Ulla, gemalt von Andre Manecke, Foto: Annette Mertens

erzählt Ulla: „Wir demonstrierten gegen Atomkraftwerke und gegen die Aufrüstung. Es war eine sehr intensive politisch aktive Zeit. Ich möchte keine Sekunde davon missen, denn sie hat mich sehr geprägt“. Nach dem Diplom wechselt sie ins Volontariat bei der Gießener Allgemeinen Zeitung. „Ich lernte Journalismus von der Pieke auf, durchlief alle Ressorts, außer Sport“, fügt Ulla bei unserem Treffen im Union-Viertel hinzu. Die Arbeit führt sie zur Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung in Kassel. Vier Jahre arbeitet die junge Journalistin in einer hessischen Lokalredaktion. „Dort habe ich gelernt, wie die Welt funktioniert: Von der Funktionsweise eines Rückhaltebeckens, über lokalpolitische Themen bis hin zur Arbeit einer Psychologischen Beratungsstelle“, erzählt sie. Obwohl sie durch ihren Job viele Menschen kennen lernt, zieht es Ulla nach vier Jahren in der Provinz nach Hamburg. Dort arbeitet sie bei verschiedenen Zeitungen als Journalistin und Pressesprecherin.

Mit Mitte Vierzig veröffentlicht sie ihren ersten Roman

Es ist eine Satire über die Hamburger Medienwelt. Viele Erzählungen und ihr im April erschienener sechster Roman, „Pension Vera“, ein Ruhrgebiets-Thriller, folgen (erhältlich im Buchhandel und online). Für ihre Arbeiten erhält sie zahlreiche Auszeichnungen.

Buchumschlag

Buchumschlag „Pension Vera“ gemalt von Andre Manecke http://www.malerimlahntal.de

Gefühlt eine Million Lebenskrisen pflastern ihren Weg

Plakat für eine der Lesungen mit Ulla, Foto: Annette Mertens

Plakat für eine der Lesungen mit Ulla, Foto: Annette Mertens

Ob ein gebrochenes Herz oder verschiedene Krankheiten – aus ihren Tiefs geht sie immer gestärkt hervor. „Mal bist du der Baum, mal der Hund. So ist das Leben“, fügt Ulla lachend hinzu. Seit fünfzehn Jahren lebt Ulla gemeinsam mit ihrer Partnerin – zunächst in einer Fernbeziehung zwischen dem Dortmunder Klinikviertel und St. Georg. Vor acht Jahren zieht sie nach Dortmund, mit dem guten Gefühl, im Ruhrgebiet wieder zu Haus angekommen zu sein. Aktuell arbeitet die Journalistin neben ihrer Autorentätigkeit als freie Mitarbeiterin für die Union-Website: Unionviertel.de und für die Unionviertel-Zeitung. Ihr Leitsatz ist ein Zitat von Hannah Arendt:

 „Niemand hat das Recht zu gehorchen“

Danach lebt Ulla bereits ihr Leben lang. „Meine Courage ist gelegentlich hart an der Grenze zur Fahrlässigkeit“, ergänzt sie lachend. „Manchmal renne ich sehenden Auges in die Gefahr.“ Doch bisher ist es, wie beim sprichwörtlichen Unkraut, immer gut für sie ausgegangen. Ihr Traum für die Zukunft: „Solange ich körperlich fit genug bin, möchte ich viel reisen und von der Welt sehen. Für die Menschen, die mir am Herzen liegen, will ich da sein und gemeinsam mit ihnen in Würde alt werden. Und unbedingt nett wäre es, wenn alle Menschen liebevoller miteinander umgehen“.

Text: Annette Mertens

Fotos: Margarete Radeck, Annette Mertens

Buchumschlag: Andre Manecke http://www.malerimlahntal.de

Auszeichnungen: 1983 Elisabeth-Selbert-Förderpreis der Hessischen Landesregierung; 1993 Literaturpreis des Ullstein-Verlags; 1997 Auszeichnung der GEDOK; 2001 Förderpreis Literaturpreis Ruhrgebiet; 2002 Literaturpreis Oberhausen; 2007 Literaturpreis Autorinnenvereinigung Berlin

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Wir Ruhris sind wie Unkraut – nicht klein zu kriegen

63 Gedanken zu “Wir Ruhris sind wie Unkraut – nicht klein zu kriegen

  1. Guten Abend Annette,
    ich bin ja selbst noch recht neu hier, habe aber immerhin hier schon einige sehr interessante Blogs gefunden, deren Themen und Inhalte mich sehr interessieren.
    Dein Blog gehört definitiv dazu. Deshalb konnte ich nicht anders als dich zu nominieren für “Liebster Award”. Würde mich freuen, wenn du mitmachst. Dazu musst du auf diesen Link klicken https://aktiv60plus.wordpress.com/2015/08/06/liebster-award-1-nominierung/
    Viel Spaß wünscht Dir
    Sigrid

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  2. Ich bin wieder begeistert: Jeder kann etwas aus sich machen, wenn er es anpackt. Leider fehlt vielen der Mut und gerade der ist es, der eine Änderung im Leben herbeiführen könnte: Raus, nur raus aus Hartz4 .. LG Dunkelpoet

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      • Annette ist ein wunderschöner Name. Heute sind andere Namen angesagt, etwas „Sophie“ und besonders als Doppelnamen Lea-Sophie. Lea ist ein alter Name aus dem alten Testament und Sophie ist auch schon mal modern gewesen. So kommt alles wieder. In hundert Jahren wird die Dame von Rang wieder Annette heißen. Das alte Spiel der Mode: Alles kommt wieder. dann vll. als Jeanne d’annett.

        Mal kucken: Ich freu mich drauf. 😉

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        • danke sehr, Wollkenbrecher, ich bin erst im Laufe der Jahre in diesen Namen „gewachsen“
          Es ist ein Name, der nicht so häufig verwendet wird, doch latent immer da ist (irgendwo treffe ich immer eine Annette oder Anette in jeder Generation 😉 )
          Liebe Grüße, Annette

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  3. Danke Bärbel 🙂
    Viele kleben hier fest und fahren nur kurz auf die Reise, andere sind eine ganze Weile unterwegs und wollen dann doch wieder zurück – typisch für die Menschen hier? Ich behalte das mal im Auge 😉
    Viele liebe Grüße, Annette

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  4. Schön, sowas wie Oberhausen zu lesen, das lag mir in meiner über 60-jährigen Ruhrpott-Zeit näher als Dortmund.
    Wo Ulla überall war, enorm.
    Und doch hat sie wieder zurückgefunden in den Pott, lach.
    Liebe Grüße Bärbel

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    • Danke liebe Uschi, ich freue mich sehr über deine Rückmeldung und wünsche dir viel Spaß beim Lesen. Nur so viel: es lohnt sich, obwohl Thriller sonst nicht mein Ding sind! Liebe Grüße, Annette 🙂

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  5. Ich mag dein Projekt, das weißt du ja. Und deine Portraits. Und die Leute, die du vorstellst: Diese deine Ulla auch wieder, mit der würde ich auch gern spontan einen Kaffee trinken gehen wollen, um sie erzählen zu hören. Ich glaube, dass du etwas Typisches einfängst. Bei Ullas Lokalzeitungserfahrungen docke ich an, und den Spruch mit Hund und Baum muss ich mir merken … Danke für den Einblick!
    Liebe Grüße
    Christiane (mit Kaffee, ohne Keks ;-))

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  6. erst gestern hatte ich ein Sonderheft aus der Zeit über das heutige Ruhrgebiet in der Hand und dachte, ich muss da mal wieder hin, schliesslich war es auch Heimat für mich, wenn auch lange her und ich habe es so ganz und gar aus den Augen verloren … dabei scheint es so spannend zu sein, wie das leben von Ulla, deren Bücher ich nun auch lesen möchte- danke für die Vorstellung und herzliche Grüsse Ulli

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  7. Danke Annette, für diesen interessanten Beitrag. Wie ein Hauch der Vergangenheit betritt Ursula Maria Wartmann meine Erinnerungen an meine frühe Marburger Zeit, als ich regelmäßig mit meinen Eltern auf Demos war, und auch Redakteure der HNA und der Gießener Allgemeinen kannte, die heute aber ungleich piesiger sind, als zur alten (fast guten) Zeit der frühen 80er Jahre, wo man noch Abends mit einem Journalisten auf ein „Bier“ ausging. Heute ist nach der Begrüßung die erste Frage, „Welche Auflage hat ihr Buch“, und nachgeschoben, „so ab 50000 wird es interessant für unsere Leser“. Und so freue ich mich über jeden Autor, der einen unkonventionellen Weg gehen durfte, um seiner Passion zu folgen.

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