„Ich habe viele innere Kämpfe ausgetragen“

Dortmund. Als jüngster von fünf Söhnen kommt Franz Ott 1953 in Koblenz auf die Welt. Mit 15 Jahren fliegt er von der Schule. Auf die Frage, was er nun ohne Abschluss machen wolle, antwortet er damals: „Irgendwas mit Malen.“ Doch zunächst zieht er ins Ruhrgebiet und absolviert in Essen eine Ausbildung zum Schriftsetzer.

Bild von Franz Ott, Foto: Bettina Brökelschen

„Lange Haare und ein wildes Aussehen“

So beschreibt Franz sich selbst im Rückblick auf die 70er-Jahre: „Ich habe damals innerlich große Kämpfe mit mir ausgetragen. Es war keine leichte Zeit.“

Nach der Ausbildung besucht der talentierte Maler für zwei Jahre die Fachoberschule und verschafft sich damit die Zugangsvoraussetzung für das Studium an der Fachhochschule.

Der Liebe wegen zieht er nach Dortmund

Die Beziehung scheitert. „Völlig logisch: Meine Freundin und mein bester Freund gehörten einfach zusammen.“ ergänzt Franz schmunzelnd.

Franz Ott in seinem Atelier im Interview mit mir, Foto: Bettina Brökelschen

Franz Ott in seinem Atelier im Interview mit mir, Foto: Bettina Brökelschen

Infolge studiert er erfolgreich ‚Visuelle Kommunikation‘ an der FH Dortmund. „Das Studium fiel mir sehr leicht – daneben habe ich kräftig gelebt.“ ergänzt der humorvolle und dabei sehr ernsthafte Künstler. Zu dieser Zeit lebt er im anrüchigen Leierweg, einer Gegend zwischen Industriebrache und Bahntrasse. „Anfangs stellte ich meine Bilder in den damals populären Kneipen ‚Kuckuck‘ und ‚Che’Coolala‘ aus. Als Künstler fühlte ich mich hingegen viel zu isoliert.“ fügt er hinzu.

Für das Examen gestaltet er 1980 einen Kalender mit eigenen Bildern und Gedichten gegen den Krieg. Franz zeigt mir ein Exemplar.

Erschreckend: Das Thema ist heute so aktuell wie damals

Eine Arbeit aus den 80er-Jahren von Franz Ott, Foto: Bettina Brökelschen

Einzel- und Gruppen-Ausstellungen folgen, unter anderem im ‚Museum am Ostwall‘, eines der wenigen alten Gebäude der Stadt, das durch den Einsatz einer Bürgerinitiative im letzten Jahr vor dem Abriss bewahrt wurde.

Es geht wild weiter

Ein Bild aus der aktuellen Serie von Franz Ott, Foto: Bettina Brökelschen

Franz arbeitet ab Mitte der 80er mit verschiedenen Künstlergruppen zusammen: „Kunstmalerei reichte mir nicht. Ich wollte immer viele Aktionen machen. Es war eine extreme Zeit, doch mir nie genug. Die Drogen verstärkten alles. Das brachte viele Konflikte mit sich.“ ergänzt er. Etwa zehn bis fünfzehn Jahre führt Franz ein exzessives Leben zwischen Kunst und Drogenkonsum. Als er nur noch sechzig Kilogramm wiegt, flüchtet er aus Dortmund und zieht für zwei Jahre nach Marburg: In ‚Fleckenbühl‘, einer Einrichtung für Suchtkranke, arbeitet er als Konditor auf einem Demeter-Hof. Anschließend wohnt und arbeitet er sechs Jahre bei einem seiner Brüder auf einem Bauernhof. Inzwischen lebt Franz bereits viele Jahre drogenabstinent.

Zunächst allein bezieht er vor einigen Jahren das Atelier in der Schillerstraße. Daraus entwickelt sich später gemeinsam mit Anette Göke und Rita-Maria Schwalgin (über den ‚Pingback‘ findet Ihr die beiden Portraits aus dem vorigen Jahr) die „Kunstdomäne„, die heute von insgesamt sieben Kreativen genutzt wird.

Die Vergangenheit holt ihn ein

Eines Tages steht die Polizei vor seiner Tür. „Mir drohte die Inhaftierung.“ erzählt Franz. „Mein Ein-Euro-Fünfzig-Job bei ‚Passgenau‚ war die Rettung vor dem Knast.“ Dort restauriert und „pimpt“ er alte Möbel und nimmt die viele Jahre in Vergessenheit geratene Malerei wieder auf.

Von seiner Arbeit leben kann er bisher nicht

Meistermaler und „Achselroller“ Franz Ott bei der aktuellen Street Art-Aktion gegen die Tristesse in Dortmund: 52 Künstler bemalen eine schäbige Mauer Foto: Annette Mertens

Eines seiner Bilder hängt im Büro des derzeitigen Dortmunder Oberbürgermeisters Ullrich Sierau. Die New Yorker Galerie Lydia möchte nächstes Jahr seine Bilder in der US-Metropole ausstellen. Trotzdem lebt der Künstler, bei dem selbst ein Grad der körperlichen Behinderung in Höhe von 70 Prozent vorliegt, mit seiner pflegebedürftigen Frau am Existenzminimum.

Auf meine Frage nach Wünschen und Träumen antwortet Franz lachend: „Ich habe meiner Frau gesagt: Wir sterben als Millionäre. Für die Zukunft wünsche ich mir leichtere Lebensumstände, um unabhängig von der Unterstützung seitens der Ämter leben zu können.“

Street Art in der Weißenburger Straße, Bild und Foto: Franz Ott

Sein Lebensmotto: „Lasset uns lieben.“

Weitere Infos über Franz Ott – Meistermaler, phantastischer Realismus/Portrait- und Landschaftsmalerei/Möbelgestaltung unter http://franzott.jimdo.com und http://www.kunstdomaene.de

Text: Annette Mertens
Fotos: Bettina Brökelschen, Franz Ott, Annette Mertens

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„Ich habe viele innere Kämpfe ausgetragen“

62 Gedanken zu “„Ich habe viele innere Kämpfe ausgetragen“

  1. Pingback: Zwei Mädels aus dem Pott | Ruhrköpfe

  2. Was für eine Geschichte, wow. Die Kunst die dabei entsteht gefällt mir sehr gut und die Geschichte hat mich beim lesen wirklich sehr stark berührt. Es ist toll wenn Menschen das tun, was sie lieben und es spiegelt irgendwie auch die gesellschaftliche Situation wieder, dass sie dann meist nicht davon leben können. Ich wünsche ihm wirklich, dass sich unerwartete Quellen auftun, die ihm sein Leben noch mehr verschönern werden.

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  3. Nur etwa 4 Prozent der Künstler können von ihren Werken leben. Ich weiß wovon ich rede, bin mit einem (noch) verheiratet. Studium in Wien in der Meisterklasse von A. Frohner, Penck- Meisterschüler an der Kunstakademie Düsseldorf, regelmäßige Ausstellungen – trotzdem nicht der Durchbruch bisher.
    http://www.stefan8noss.de/
    Der Kunstmarkt ist ein Haifischbecken, genau wie die Musikbranche, die Literatur…es kommt auf den einen Moment an, ob einer, der das richtige Netzwerk und die Kontakte hat, dich „entdeckt“, an dich glaubt und dich fördert. Denn die Selbstvermarktung ist als Künstler aus diversen Gründen einfach schwierig. Es wäre schön, wenn sich mehr Menschen statt des IKEA Kunstdrucks das Original eines Künstlers in die Wohnung hängen würden. In der Anschaffung vielleicht erstmal etwas teurer, aber dafür eben EINMALIG und vielliecht sogar mit einem persönlichen Gespräch mit dem Maler/der Malerin verbunden.
    Mein Aufruf: geht in die Ateliers, auf Vernissagen und KAUFT! Daumen hoch reicht nunmal nicht zum Überleben…

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  4. Es ist immer wieder spannend über das Leben anderer Menschen zu lesen. Was bewegt sie, warum tun sie dies, oder das. Und über die Kämpfe, die Dämonen, die sie gewonnen und besiegt haben. Dankeschön für diesen tollen Bericht! 🙂

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  5. Für mich auch ein sehr berührendes Portrait und seine Bilder gefallen mir richtig gut.

    Man kann ihm und seiner Frau nur von Herzen alles Gute wünschen und mögen sich seine Lebensumstände verbessern.

    Danke für den tollen Beitrag liebe Annette, super !

    Liebe Grüsse,
    Uschi

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  6. Ein sehr interessantes, Portrait, liebe Annette.
    In einer Hinsicht haben wir Gleiches: Mein Mann hat auch eine inzwischen behinderte, kranke Frau an seiner Seite.
    ich wünsche ihm und seiner Frau nur das Beste.
    Und viel Erfolg, die Bilder sehr beeindruckend.
    Liebe Grüße Bärbel

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  7. Immer wieder interessant bei dir, Annette.. 🙂
    Du hast mal geschrieben, als du die 500-er Follower Grenze erreicht hattest, „obwohl du nicht so häufig Beiträge schreibst, wie empfohlen“ (von WP empfohlen, um mehr traffic zu kriegen).
    Ich finde es erfrischend zu sehen, dass deine Followerzahl wächst, obwohl du dem Social Media-Wahn nicht hinterherrennst.
    Eigentlich mag ich es nicht besonders, wenn einzelne Blogger meinen Reader „zumüllen“, indem sie täglich zig Beiträge veröffentlichen. Für mich immer ein Grund, zu entfollowen.. 😉
    Da deine Beiträge nur selten erscheinen, freue ich mich dann, wenn wieder einer erscheint.
    Man muss also nicht immer glauben, was einem erzählt wird…

    Lieben Gruss an Dich
    Iwan

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